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| 30 | 04 | 2026 | Praxis | |
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Raubfische scheuen nicht davor zurück, ihren eigenen Nachwuchs und ihre Konkurrenten zu fressen. Wie wir dieses Verhalten beim Fischen mit Kunstködern nutzen können, erfährst Du hier.
Die Raubfische in unseren Gewässern sind überwiegend piscivor, sie ernähren sich also von anderen Fischen. Neben diesem Beutetrieb zum Zweck der Ernährung zeigen viele von ihnen aber auch ein darüber hinaus gehendes aggressives Verhalten. Sie verteidigen Reviere, sichern sich strategisch günstige Standplätze mit üppigem Nahrungsangebot oder behaupten sich in der Fortpflanzungszeit gegen Rivalen.
Wer sich mit diesem Zusammenspiel von Fressverhalten und Aggression befasst, stösst unweigerlich auf ein Phänomen, das unter Raubfischen sehr verbreitet ist: den Kannibalismus. Dieses Verhalten nutzen viele Fischer schon längst, oft ohne sich dessen bewusst zu sein.
Von Kannibalismus spricht man, wenn ein Lebewesen ein Individuum der eigenen Art frisst. Bei Fischen kommt dieses Verhalten besonders häufig vor. Gerade bei Raubfischen gibt es mehrere Gründe, weshalb Artgenossen zur Beute werden.
Zunächst einmal ist die Sache fast schon logisch: Wo eine Fischart vorkommt, befinden sich in aller Regel auch unterschiedlich grosse Individuen der selben Art im selben Gewässer. Wo Hechte von 60 Zentimetern leben, gibt es fast zwangsläufig auch kleinere Junghechte und oft auch noch grössere Exemplare. Diese Fische teilen nicht nur den gleichen Lebensraum, sondern stehen auch in Konkurrenz zueinander. Sie nutzen häufig die gleichen Zonen oder angrenzende Bereiche und Beutefische. Kleinere Artgenossen werden damit automatisch zur potenziellen Beute für grössere Individuen. Sie sind nicht nur regelmässig verfügbar, sondern auch besonders lohnend: Ein kleinerer Artgenosse zählt in solchen Situationen zu den besten verfügbaren Proteinquellen. Das gilt umso mehr in abgeschlossenen oder nährstoffärmeren Gewässern, wenn andere Futterquellen knapp werden.
Doch Kannibalismus hat nicht nur mit Nahrungsaufnahme zu tun. Wer einen Artgenossen frisst, reduziert zugleich auch die Zahl der potenziellen Fresskonkurrenten. Ausserdem werden künftige Rivalen im Kampf um Reviere oder Fortpflanzungspartner ausgeschaltet. Auf diese Weise wirkt Kannibalismus auch als natürlicher Selektionsmechanismus: Es wachsen vor allem jene Individuen heran, die auch der Prädation durch ihresgleichen entgehen konnten.
Beispiele für Kannibalismus gibt es in allen Gewässertypen, besonders dort, wo eine Raubfischart dominiert. Die Natur versucht ständig, sich selbst zu regulieren und Gleichgewichte herzustellen. Gibt es beispielsweise in einem Gewässer sehr viele Hechte, dann jagt Esox dort vorzugsweise kleinere Artgenossen – bisweilen selbst Fische, die beinahe seine eigene Grösse haben. Das dient nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern auch der Revierverteidigung. Selbst grosse Weibchen schrecken während der Paarungsperiode nicht davor zurück, einen kleineren männlichen Liebhaber zu attackieren und zu fressen. Ähnliches lässt sich auch beim Wels beobachten. In Bergbächen und Salmonidengewässern gehören Jungfische und Brütlinge ebenfalls regelmässig zum Nahrungsspektrum der grossen Forellen. Die ausgewachsenen Fische ergänzen damit ihr oft karges Beutespektrum und reduzieren spätere Nahrungskonkurrenten.
Bei Zander, Egli und Wels tritt Kannibalismus dann besonders stark auf, wenn die Fortpflanzung erfolgreich war und ein starker Jungfischjahrgang entstanden ist. Sehr viele kleine Nachkommen stehen dann zur Verfügung – und werden von ihrer Elterngeneration konsequent genutzt. Auch der Black Bass (Forellenbarsch) bildet keine Ausnahme. Zwar bewacht das Männchen seine Brut während einiger Zeit, doch schon bald ist diese Schonung vorbei und die Jungfische werden für grössere Artgenossen zur Beute.
Grundsätzlich fressen Fische als Nahrungsopportunisten das, was leicht zu erbeuten und in grosser Zahl vorhanden ist. Oft sind das eben ihre eigenen Jungfische. Dabei kann man davon ausgehen, dass dieser Kannibalismus meist keineswegs zufällig geschieht. Die Räuber wählen gezielt jene Beute, die gerade am einfachsten verfügbar ist.
Viele Fischer und Fischerinnen achten bei Kunstködern auf die Lauftiefe und das Laufverhalten, die Grösse oder Geräusche. Aber auch die Farbgebung darf nicht unterschätzt werden. Es lohnt sich, hier genauer hinzuschauen. Zahlreiche Hersteller bieten in ihren Serien für bestimmte Zielfische nämlich auch bewusst Dekore an, die exakt diese Fischart nachahmen.
In Hechtprogrammen findet sich fast immer ein klassisches «Hecht»-Dekor. In Forellenserien sind Färbungen in Richtung Bachforellenbrütling, Jungforelle oder Regenbogenforelle weit verbreitet. Dasselbe gilt für Köder auf Black Bass oder Egli. Bei Zander und Wels dominieren zwar oft unspezifische Farbgebungen, doch auch hier existieren Modelle, die Artgenossen imitieren. Manche Hersteller gehen sogar noch weiter und bieten Köder mit einer klaren Form des Zielfischs an – beispielsweise täuschend echt aussehende kleine Hechte. Offensichtlich haben die Marken sehr wohl erkannt, wie bedeutend Kannibalismus im Verhalten vieler Räuber ist. Umso erstaunlicher ist es, dass dieses Thema in Fischereiartikeln eher selten aufgegriffen wird.
Für den Kunstköderangler wäre es jedenfalls ein Fehler, auf diesen Ansatz zu verzichten. Das gezielte Ausnutzen von Kannibalismus mit echten Köderfischen ist aufgrund von Schonmassen oder Verboten vielerorts nicht möglich. Mit Kunstködern dagegen lässt sich dieser Reiz vollkommen legal und wirkungsvoll einsetzen.
Eigentlich sollte ein Dekor, das die jeweils anvisierte Fischart imitiert, als ganz normaler Standard im Ködersortiment betrachtet werden. Der Gedanke dahinter ist einfach: Ein Raubfisch ist daran gewöhnt, kleinere Vertreter der eigenen Art in seinem Umfeld zu sehen. Je nach Situation betrachtet er sie als Nahrung oder als Konkurrent in seinem Revier. In beiden Fällen kann ein solcher Köder einen Anbiss auslösen.
Neben dem Dekor spielt auch die Grösse eine wichtige Rolle. In kleinen Forellenbächen können winzige Wobbler oder andere Mini-Köder in der Zeichnung einer Jungforelle sehr überzeugend sein. Am anderen Ende des Spektrums lassen sich auf Hechte bewusst enorm grosse Esox-Imitate einsetzen. Gerade die Kapitalen scheuen sich oft nicht, erstaunlich grosse Beute zu attackieren.
Wenn die Fischerei schwierig ist und scheinbar nichts funktioniert, denken viele zuerst an Schockfarben, besonders natürliche Weissfisch-Dekore oder an einen kompletten Methodenwechsel. Aber gerade dann ist oft ein Köder in der Färbung der Zielfischart einen Versuch wert. Ein Hecht-Dekor auf Hecht, ein Egli-Dekor auf Egli oder ein Jungforellen-Muster auf grosse Forellen: Dieser Ansatz mag auf den ersten Blick etwas absurd wirken, funktioniert biologisch aber oft hervorragend. Denn die Räuber reagieren bei diesen Mustern eben nicht nur auf Hunger, sondern auch auf Konkurrenz, Aggression und Revierverhalten. Nicht selten kann gerade das der Gamechanger sein, der an solchen Tagen doch noch den entscheidenden Biss bringt.
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