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| 27 | 05 | 2026 | Reisen | |
| 27 | 05 | 2026 | Reisen |
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Die Adda durchfliesst das Veltlin und mündet schliesslich in den Comersee. Bei Tirano liegt der stattliche Fluss wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Ausgehend vom Hotel La Romantica im Puschlav, dem südöstlichsten Zipfel Graubündens, eröffnet sich eine Welt des Fischens, die es bei uns so nicht (mehr) gibt.
Es sind herrliche Maitage – selbst bei miesem Wetter: Die Nebelschwaden sind wie hingemalt, das Grün der Bäume ist frisch und das Wasser hat einen Stich. «Perfekte Bedingungen für grosse Fische», meint Guide Alessandro Belluscio. Wir sind an der Fliegenfischerstrecke der Adda zwischen Sondrio und Tirano. Die Adda ist ein prächtiger Bergfluss und das Tal mit seinen imposanten Weinterrassen und prächtigen Kirchen ist breit und ausladend und gleichzeitig mit ungemein steilen Flanken, von denen zuoberst verschneite Gipfel grüssen.
Wir beginnen nach einer Begrüssung des hier immer anwesenden Fliegenfischerunikats Guglielmo unweit des Parkplatzes unter Bäumen, die weit übers Wasser hängen. Der Köder der Wahl ist ein Maikäferimitat, denn wenn diese in Massen auftreten und von den Bäumen ins Wasser fallen, stellen sich die Fische sofort auf diese willkommene Nahrungsquelle ein.
Die Präsentation darf unelegant sein: Aufs Wasser platschen soll die Käferfliege, wie ein wehrloser Maikäfer eben, der soeben seinen Halt am Ast verloren hat. Bald darauf wechseln wir flussauf und hier sind Streamer angesagt. Die beschwerten Streamer lassen kaum elegante Wurfbewegungen zu, doch einmal im Wasser entfalten sie ein ungemein verführerisches Spiel. Kaum sind ein paar Würfe vergangen, sehe ich den ersten goldbraunen Schatten in rasendem Tempo an meinem Köder vorbeischrammen. Jetzt ist das Adrenalin da und zwei Stellen weiter passiert es erneut, ich erkenne für eine knappe Sekunde einen weiteren Fischkörper, der meinen Streamer angreift und verfehlt. Streamerfischen ist hier eine besonders hektische Sache. Die Attacken kommen aus Reflex, sobald ein paar Faktoren wie Distanz, Bewegung und Muster stimmen. Einmal ausgeworfen, beginnt man einzustrippen und führt die letzten paar Meter per Rute. Ob quer ans andere Ufer, stromauf (besonders hektisch!) oder stromab, alles ist möglich und kann eine plötzliche Attacke bringen. Wie die meisten Mittelland-Fliegenfischer dachte ich beim Wort Streamer an einen Wooly Bugger, höchstens so lang wie ein Kinderfinger. Die Modelle, die mir Alessandro gibt, sind locker doppelt so lang, mit viel Gold und Weiss drin, einmal mit Gewichtkopf und einmal unbeschwert.
Schon bald lässt mich Alessandro einfach fischen; er schwingt seine Rute etwas weiter stromauf, während ich mich genauer mit einem grossen Pool befasse. Diesen will ich überwerfen und dann quer durchstrippen. Ein schwieriges Unterfangen, da mir die Hauptströmung sofort meine Schnur mitreissen will. Doch sobald die Führung für zwei Sekunden stimmt, verfehlt ein schöner Fisch den Streamer. Dieses Schauspiel wiederholt sich, am Ende zähle ich fünf Attacken und stehe immer noch mit leeren Händen da. Kurze Zeit später stoppe ich meinen Streamer am Ende eines Pools und diesmal hängt der Fisch. Im Feumer liegt schliesslich meine erste Marmorata. Geschätzte 43 Zentimeter gebe ich ihr und release den Fisch überglücklich. Was folgt, ist eine verrückte Stunde mit weiteren Bissen von schönen Fischen hinter fast jedem Stein. Danach werden Wind und Regen stärker, aber das ist mir so was von egal wie schon lange nicht mehr!
Der zweite Tag beginnt mit einer Fahrt Richtung Westen. Wir treffen an einem langen, langsam fliessenden Pool gut 20 Kilometer hinter Sondrio auf Federico Bongio, einen Spinnfischer-Guide. Hier hat es viel Sand, kleinere Steine, Schilf, Schwemmholz und sandige Auenwälder, die im Begriff sind, zu einem undurchdringlichen Grün zuzuwachsen. Anfangs wechseln wir zügig zwischen Löffel, Gummifisch und Wobbler. Federico ist ungemein konzentriert, unter höchster Anspannung führt er mit seiner harten Spinnrute die Köder und weist mich sehr genau an, wo ich meine Würfe platzieren soll. Dabei flüstert er fast nur und besteht darauf, dass wir hier keinen Fuss ins Wasser setzen – es könnte die grossen Fische verscheuchen. Und tatsächlich gelingt mir trockenen Fusses der Fang einer weiteren Marmorata, die auf einen blaugepunkteten Mepps einsteigt.
Am Nachmittag geht nicht nur mir die Fischerei leicht von der Hand. Federico und ich zählen am Ende neun verpasste Bisse bzw. Aussteiger und acht Fische im Netz, wobei die Marmorata vom Morgen noch der kleinste war. Ich kann es ehrlich gesagt nicht glauben und frage mehrfach nach, ob sie nicht etwa vorher einen Attraktionsbesatz aus einer Zucht gemacht hätten. Nichts da – trotzdem fange ich an einem Tag drei meiner vier grössten Bachforellen überhaupt. Über uns rauschen die Bäume im Wind, der Himmel ist tiefblau, die Berge frisch verschneit und von ferne donnert der Verkehr des Veltlins. Ich kann es wirklich nicht fassen. Sogar Alessandro, einer der hartgesottensten Fliegenfischer, den man sich denken kann, greift zu Federicos Spinnrute und bringt einen Biss hin, ehe wir das Fischen gut sein lassen und einen kleinen Abstecher in die Aufzuchtanlage einflechten. Bewirtschaftung ist hier ganz offenbar ein zentraler Bestandteil des Erfolgs. Zum Abschluss des Tages wartet im Hotel La Romantica erneut ein grossartiges Nachtessen, bei dem man sich wie ein König fühlt.
Zum Abschluss will ich es noch klassisch versuchen: Der Fang von Äschen mit der Nymphe ist das Ziel. Wir beginnen am Übergang einer grossen Einlaufströmung in einen ruhigen, flachen Abschnitt, wiederum an der Strecke, wo nur Fliegenfischen erlaubt ist. Schon bald machen sich die ersten Fische bemerkbar: kleinere Regenbogen- und Bachforellen und eine Äsche von vielleicht 25 Zentimetern. Hier fischen wir mit zwei Nymphen und einer Nassfliege. Am Parkplatz wechsle ich einige Worte mit einem enthusiastischen Fliegenfischer aus Zürich, welcher mir sofort ein Bild seines prächtigen Fangs von diesem Morgen zeigt: eine gut 50 Zentimeter lange Bachforelle, die seine «Maulwurf-Nymphe» genommen hat. Netterweise steckt er mir davon ein Exemplar zu. Auch mir bringt diese Nymphe den ersten Fisch des Tages. Der zweite folgt auf die Nassfliege und eine Äsche nimmt schliesslich die mittlere Nymphe. Es funktioniert also alles. Einzig die grossen Äschen lassen noch auf sich warten. Also wechseln wir die Stelle und werden im Mündungsbereich eines grossen Pools schliesslich fündig. Zuerst gelingt Luca von Virtuous Clothing der Fang seiner bisher grössten Äsche und einige Minuten später bin auch ich dran. So müssen nach einiger Gegenwehr zwei prächtige Äschen den Fototermin über sich ergehen lassen, beide über 50 Zentimeter lang.
Schliesslich stehe ich nach zweieinhalb Tagen Fischen überglücklich am Wasser und muss an die bevorstehende Rückreise denken. Schade, denn an diesem Fluss könnte man sich noch richtig lange vertun.
Im Hotel La Romantica in Le Prese können die Lizenzen für die Gewässer von Unione Pesca Sondrio einschliesslich der Adda gelöst werden. Auch die Vermittlung von Guides (englisch- und italienischsprechend) übernimmt das Team vom La Romantica gerne. Die Fahrtdauer von Le Prese über die Grenze an die Adda dauert mit dem PW zwischen 30 Minuten und anderthalb Stunden (je nach Abschnitt und Verkehr).
Die Unione Pesca Sondrio managt die Fischerei im Veltlin. Rund 1200 Kilometer fischbare Fliessgewässer und zahlreiche Bergseen warten auf Besucher.
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