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| 03 | 07 | 2026 | Schweiz | |
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Der Kanton Basel-Landschaft hat die nächste Phase für sechs neue Kleinwasserkraftwerke an Birs und Ergolz eingeleitet. Gesucht werden Unternehmen, die bereit sind, die Anlagen zu planen, zu bauen und zu betreiben. Was in der Medienmitteilung nüchtern als Präqualifikationsverfahren beschrieben wird, ist in Wahrheit ein schwerer geplanter Eingriff in zwei der ökologisch wertvollsten Fliessgewässer der Nordwestschweiz.
Der Schweizerische Fischerei-Verband (SFV) lehnt diese Pläne entschieden ab.
Die Diskussion um die Wasserkraft wird oft vereinfacht geführt. Wasserkraft gilt als erneuerbare Energie und damit automatisch als gut. Doch so einfach ist die Realität nicht. Der SFV unterstützt den Ausbau erneuerbarer Energien und anerkennt die wichtige Rolle der Wasserkraft für die Stromversorgung der Schweiz. Gleichzeitig gilt aber auch: Nicht jede Form der Wasserkraft ist ökologisch sinnvoll, wirtschaftlich vertretbar oder energiepolitisch notwendig.
Gerade bei Kleinwasserkraftwerken zeigt sich seit Jahren ein problematisches Bild. Der energetische Nutzen ist meist bescheiden, während die Auswirkungen auf Gewässer, Fischbestände und Biodiversität erheblich sein können. Viele Kleinwasserkraftwerke produzieren nur geringe Strommengen, verursachen aber hohe ökologische Kosten.
Besonders stossend ist der geplante Ausbau an der Ergolz. Die Ergolz gehört zu den letzten grösseren Gewässern der Nordwestschweiz, die bislang frei von Wasserkraftwerken geblieben sind. Dieser Umstand ist kein Mangel, sondern ein ökologischer Wert. In einer Region, in der zahlreiche Gewässer bereits verbaut, kanalisiert oder energetisch genutzt werden, stellt die Ergolz einen seltenen Rückzugsraum für Fische und andere Wasserlebewesen dar.
Wer heute neue Wasserkraftwerke an der Ergolz plant, greift in eines der letzten noch verbliebenen naturnahen Fliessgewässersysteme der Region ein.
Auch die Birs steht bereits unter erheblichem Nutzungsdruck. Über Jahrzehnte wurde sie verbaut, korrigiert und technisch verändert. Gleichzeitig laufen entlang der Birs zahlreiche Projekte zur ökologischen Aufwertung. Fischereivereine, Kantone und Naturschutzorganisationen investieren grosse Anstrengungen und erhebliche Mittel in Revitalisierungen, Fischdurchgängigkeit und die Wiederherstellung natürlicher Gewässerprozesse. Es ist widersprüchlich, einerseits die ökologische Qualität eines Flusses verbessern zu wollen und andererseits neue Hindernisse für Fische und Geschiebetransport zu schaffen.
Konkret plant der Kanton Basel-Landschaft drei neue Kleinwasserkraftwerke an der Birs und drei weitere an der Ergolz. An der Birs sind die Standorte Chueweid in Aesch («Wehr Metallwerke»), Liebmatt in Duggingen («Häuslerwehr») sowie die Brücke Hinterfeldstrasse in Zwingen («Grossmatt») vorgesehen. An der Ergolz sollen die Standorte Zwirni in Füllinsdorf («Niederschönthal»), Chessel in Liestal («Kessel») sowie Hülften in Pratteln und Füllinsdorf genutzt werden.
Auf den ersten Blick mögen diese Eingriffe lokal und überschaubar erscheinen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um sechs zusätzliche Nutzungen in Gewässern, die bereits heute zahlreiche ökologische Funktionen erfüllen. Gerade die Summe der Eingriffe ist entscheidend. Jeder einzelne Standort bedeutet neue technische Bauwerke, zusätzliche Hindernisse im Gewässerraum und weitere Belastungen für Fische, Geschiebetransport und natürliche Flussprozesse. Besonders an der Ergolz würde damit erstmals überhaupt die Wasserkraftnutzung Einzug halten. Aus Sicht der Fischerei wäre dies ein folgenschwerer Paradigmenwechsel.
Besonders unverständlich erscheinen die Pläne vor dem Hintergrund des nationalen Lachswiederansiedlungsprogramms. Seit Jahren arbeiten Bund, Kantone, Fischereiorganisationen, Kraftwerksbetreiber und Umweltverbände daran, dem Atlantischen Lachs die Rückkehr in Schweizer Gewässer zu ermöglichen. Wanderhindernisse werden beseitigt, Fischaufstiege gebaut und Gewässer aufgewertet.
Birs und Ergolz gehören zu den Gewässern, die künftig wieder eine wichtige Rolle für wandernde Salmoniden spielen sollen.
Eine Studie des Schweizerischen Kompetenzzentrums Fischerei (SKF) aus dem Jahr 2023 bezeichnet die Wiederherstellung der Gewässervernetzung und den Abbau von Wanderhindernissen als zentrale Voraussetzungen für die Rückkehr des Lachses in die Schweiz. Gleichzeitig warnt sie vor den Folgen steigender Wassertemperaturen und zunehmender Trockenperioden. Birs und Ergolz werden dabei ausdrücklich als wichtige Gewässer für die Wiederansiedlung des Lachses genannt.
Will man ernsthaft enorme Anstrengungen in die Rückkehr des Lachses investieren und gleichzeitig neue Wasserkraftwerke in seinen potenziellen Lebensräumen errichten?
Die Frage stellt sich umso mehr, weil Birs und Ergolz weit über die Kantonsgrenzen hinaus Bedeutung besitzen. Im dicht besiedelten Raum der Nordwestschweiz mit den Kantonen Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Solothurn und Aargau gehören sie zu den letzten grösseren Rückzugsgebieten für Salmoniden. Auch Kantone wie Jura und Bern sind als Birs-Anrainer von den geplanten Kraftwerken indirekt betroffen. Solche Gewässer werden künftig nicht häufiger, sondern seltener werden. Der Klimawandel, steigende Wassertemperaturen und der Verlust naturnaher Lebensräume setzen Forellen, Äschen und anderen anspruchsvollen Fischarten bereits heute massiv zu. Jeder zusätzliche Eingriff verschärft diese Situation.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in der aktuellen Diskussion kaum erwähnt wird. Zahlreiche Studien und Gewässerplanungen weisen darauf hin, dass natürliche Geschiebedynamik für funktionierende Flüsse von zentraler Bedeutung ist. Geschiebetransport formt Kiesbänke, schafft Laichplätze und erhält die ökologische Vielfalt eines Gewässers. Neue Querbauwerke greifen zwangsläufig in diese Prozesse ein. Die Folgen sind oft langfristig und lassen sich später nur mit hohem Aufwand korrigieren.
Dabei stellt sich auch die Frage nach der Verhältnismässigkeit. Wie gross ist der tatsächliche Nutzen dieser sechs Anlagen? Wie viel Strom werden sie produzieren? Und rechtfertigt dieser Beitrag die Risiken für Biodiversität, Fischbestände und Gewässerökologie?
In einer Zeit knapper finanzieller Mittel sollten Investitionen dort erfolgen, wo sie den grössten Nutzen erzielen. Bei Kleinwasserkraftwerken ist dies häufig nicht der Fall. Viele Anlagen wären ohne staatliche Förderung wirtschaftlich kaum tragfähig. Der ökologische Preis steht oft in keinem Verhältnis zum energetischen Ertrag.
Der Ausbau der Wasserkraft in der Schweiz sollte sich auf jene Standorte konzentrieren, die einen substanziellen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten können. Neue Kleinwasserkraftwerke in ökologisch wertvollen Mittellandgewässern gehören nicht dazu.
Der SFV ist überzeugt, dass es bessere Wege gibt, die Energieziele des Kantons Basel-Landschaft zu erreichen. Wenn der Kanton bis 2030 rund 70 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen decken will, sollte er dort investieren, wo grosse Mengen klimafreundlicher Energie mit deutlich geringeren zusätzlichen Eingriffen in wertvolle Gewässer produziert werden können.
Eine Möglichkeit wäre die Beteiligung an bestehenden oder geplanten grossen Speicherwasserkraftwerken in den Alpen. Als Anteilseigner könnte sich der Kanton langfristig erneuerbare Energie sichern, ohne die letzten naturnahen Flüsse der Nordwestschweiz zusätzlich zu belasten. Solche Anlagen liefern bedeutend mehr Strom, insbesondere im Winter, und verursachen pro erzeugter Kilowattstunde deutlich geringere zusätzliche Belastungen als neue Kleinwasserkraftwerke in ökologisch sensiblen Mittellandgewässern.
Ergänzend bieten Photovoltaikanlagen auf Dächern, Fassaden, Industriearealen und bestehenden Infrastrukturen weiterhin ein enormes Potenzial. Die Energiewende gelingt nicht durch die Nutzung jedes letzten Flussabschnitts, sondern durch die Wahl der sinnvollsten und wirksamsten Lösungen.
Der Schweizerische Fischerei-Verband wird sich gemeinsam mit kantonalen Fischereiverbänden, Umweltorganisationen und weiteren Partnern mit Nachdruck gegen diese Projekte einsetzen. Wir werden alle politischen und rechtlichen Möglichkeiten prüfen und ausschöpfen, um Birs und Ergolz vor neuen Kleinwasserkraftwerken zu schützen.
Nicht aus grundsätzlicher Ablehnung gegenüber der Wasserkraft. Sondern weil es Gewässer gibt, deren Wert für Biodiversität, Fischerei und kommende Generationen grösser ist als ihr Potenzial zur Stromproduktion.
Die Ergolz ist eines dieser Gewässer. Die Birs ebenfalls.
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