Fish happens
19 | 02 | 2021 DiversesText: Ruben Rod | Illustrationen: Patrick Stieger 12529
19 | 02 | 2021 Diverses
Text: Ruben Rod | Illustrationen: Patrick Stieger 1 2529

Fish happens

«Petri-Heil» stellt hier Situationen am und auf dem Wasser mit einem Augenzwinkern vor. Vielleicht findest Du Dich oder Deine Kollegen (zumindest teilweise) auch darin wieder.


Warteliste

«???» schreibt mir Fredi. Seit Monaten, nein sogar Jahren, möchte er mal beim Fischen mitkommen. Längst habe ich aufgehört, ihm gelegentlich ein Fangbild zu schicken. Ich befürchte, von ihm darauf ein «hey, wann kann ich endlich mal mitkommen?!», geschickt zu bekommen. Ein unangenehmes Phänomen meiner begrenzten Zeit zum Fischen ist die wachsende Warteliste von Arbeitskollegen, Göttikindern, Ferienbekanntschaften, Nachbarn und guten Freunden, die ich schon lange mal (wieder) ans Wasser mitnehmen möchte. Die Gelegenheiten zum Fischengehen sind limitiert und ab und zu möchte ich das Draus­sensein auch allein geniessen können. Besonders schwierig gestaltet sich der Umgang mit Nicht­fischern oder Nervensägen auf dieser Warteliste, die ich nicht mit einer direkten Absage verletzen möchte. Doch auf deren Anwesenheit ich eigentlich keine Lust habe. Aber jetzt, dieser Fredi! Er beweist Geduld und Zähigkeit, lässt nicht locker. Damit hat er es sich nun verdient und ich schreibe ihm «Samstag 06:30 am Schiffsteg». Wenn er dann nicht kommt, kann ich ihm immerhin guten Gewissens mal wieder ein Föteli senden.


Vorgeführt

Hans Schwab – Ich werde von einer Filmcrew kontaktiert. Eine Dichterin aus Hong Kong möchte ihr Gedicht über das mystische Oberengadin in Bilder umgesetzt haben. Unter anderem stellen sich die Filmemacher vor, den See bei Sonnenaufgang zu zeigen. Da passt doch ein Fischer im Ruderboot gut in die Szene. Da ich tatsächlich frühmorgens auf dem St. Moritzersee unterwegs bin, sage ich zu. Mit Gästen zu fischen, ist immer wieder unterhaltsam. Auch wenn sich das Fischerglück dann meistens in Grenzen hält. Tatsächlich tauchen eine Regisseurin und ihr Kameramann pünktlich um 05.00 Uhr am Bootsplatz auf. Die junge Frau stellt fest, dass sie noch gar nie bemerkt habe, wie schön es am frühen Morgen draussen ist. Diese Tageszeit sei ihr vollkommen unbekannt. Gemäss Regieanweisungen rudere ich also in der Morgenstimmung in der Bucht hin und her. Die Szenerie könnte tatsächlich kaum kitschiger sein: zarte Nebelschwaden, die Bergkulisse und ein Himmel, der von Pastellrosa zu Azurblau wechselt. Alles zusammen auf dem glatten See gespiegelt, mit mir mittendrin. «Da brauchen wir nicht mal Spezialeffekte», meint die Regisseurin begeistert. Nun machen sich etliche Steigringe bemerkbar und kurz darauf habe ich die Fliegenrute parat. Konzentriert mache ich ein paar Würfe und prompt bringe ich eine Äsche an den Haken. Mir gelingt eine Fischereishow sondergleichen und ich lege einen spannenden Drill hin, inklusive perfekter Feumerlandung … Mit meinem schönsten Strahlen drehe ich mich mit der prächtigen Fahnenträgerin zum Filmteam. Aber hallo?! Die sind mit dem Abbau der Kamera beschäftigt und haben die ganze Szene nicht mal bemerkt. Das Fischen interessiert sie gar nicht. Dabei ist es mir gerade gelungen, endlich den verflixten Vorführeffekt zu überwinden! Die nächsten Filmemacher verweise ich auf den Ruderclub.


Fisch-Sucht

«Du hast nie genug Zeit zum Fischen», habe ich mir schon von etlichen Familienmitgliedern und (Ex-)Freundinnen anhören müssen. Damit haben sie nicht unrecht. Meistens habe ich ein gefühltes Fischdefizit. Es ist im Grunde egal, wie oft ich gerade am Fischen bin – immer ist es zu wenig. Gehe ich mit der Familie in die Ferien, muss es an einem Gewässer sein. Beim Spazieren starre ich ständig ins Wasser. Daheim steht ein Aquarium. Im Garten ist ein Teich. Im Keller stehen Fischbecken. Auf meinem Nachttisch und im WC liegen Fischereimagazine. Google und YouTube liefern mir fast ausschliesslich fischhaltigen Content. Da kann doch irgendwas nicht stimmen! Für mein Umfeld scheint der Fall klar zu sein: Das ist eine Sucht. «Fändest du es denn besser, wenn ich rauchen würde, statt zu fischen?», frage ich meinen Schatz. Mit der Antwort lässt sie sich Zeit, ziemlich viel sogar. «Wenigstens ist es gesünder», lautet schliesslich ihr Fazit. Aber sie lässt durchblicken, dass es sie ziemlich viele Nerven kostet, mit einem Fisch-Junkie zu leben. Was sollte ich denn tun, etwa eine Entzugsklinik für Fischer in der Wüste Gobi aufsuchen? Auf ein suchtfreies Leben habe ich eigentlich keine Lust. Einfach nur brav funktionieren, allzeit verfügbarer Partner, Papa und Mitarbeiter sein: Bei dieser Vorstellung wird mir angst und bange. Lieber bin ich ein Fischsüchtiger als ein lebender Toter.


Der Absteller

Bei meiner letzten Felchenrunde ist es wieder passiert. Der mit dem Cowboyhut ist gekommen, verflixt. Er ist eigentlich ein total netter Fischerkollege. An seinem Charakter habe ich auch nichts auszusetzen. Das Problem ist das typische Muster, nach dem unsere Begegnungen auf dem Wasser ablaufen. So ist es auch dieses Mal wieder: Ich folge meiner Intuition und den Signalen auf dem Echolot zu einer Erfolg versprechenden Stelle. Nach dem Anker lasse ich meine Lieblingshegene runter. Kaum hebe ich das Blei zum ersten Mal vom Grund auf, folgt schon der erste deutliche Zupfer und meine Felchenrute ist krumm. Und so geht es einfach Biss um Biss weiter, als ob das völlig selbstverständlich wäre. Ich habe gerade einen richtig guten Lauf und freue mich schon, mal wieder eine Vollpackung heimbringen zu können. Dann sehe ich ihn kommen. Aus respektvoller Distanz platziert er das Boot und lässt seine Hegene runter. Damit werde ich ab sofort zum Zuschauer degradiert. Meine Rutenspitze bleibt still und die Felchen interessieren sich nicht mehr für meine Nymphen. Derweil bei ihm die Post abgeht und ich mich zusammenreissen muss, nicht ständig auf seine gebogene Rute hinüberzustarren. Und so läuft es weiter, solange ER in meiner Nähe fischt. JEDES MAL geht das so, wenn er auftaucht. Bei der nächsten Gelegenheit will ich ihn fragen, warum er so gerne bei mir fischt. Möglicherweise bin ich ja sein «Ansteller» und bringe ihm zuverlässig Glück? Kaum hat er mich gefunden, fängt der arme Kerl endlich seine Fische. Wenn es so ist, kann ich damit leben. 


Schneidertag

«Es war trotzdem schön auf dem See», sage ich daheim mal wieder. Trotzdem? Ja: Ich habe nichts vorzuweisen, mir ist kein Fisch gelungen. Nicht mal einer, den ich aus ökologischen Gründen wieder habe schwimmen lassen. «Gell Papi, du hast auch Freude beim Fischen, wenn du nichts fängst?», fragt mich meine Tochter mit treuherzigem Blick. «Ja klar, es war ganz toll!», erwidere ich pflichtbewusst. Schliesslich hatte ich mich einen ganzen Tag von der Familie abgeseilt und hatte Zeit für mich. Mein Schatz durchschaut mich und zuckt mit den Schultern. «Schön, bist du wieder da», so ihr Kommentar. Obwohl ich dagegen ankämpfe, habe ich auf einmal ziemlich miese Laune. So ein Scheisstag aber auch. Einen Tag lang an der frischen Luft, Bewegung und Natur hin oder her. Eigentlich bin ich zum Fischen rausgegangen, und dazu gehört auch das Fische Fangen. Wenn mir das echt völlig wurscht wäre, könnte ich genauso gut wandern gehen. Wenn das so weitergeht, sollte ich mir das wirklich überlegen. Dann wüsste ich von vorneherein, dass ich keinen Fisch anfasse. Auf einmal habe ich Angstschweiss im Nacken. Ich will doch nicht etwa das schönste Hobby der Welt an den Nagel hängen? «Mal nichts zu fangen, gehört halt einfach dazu», rede ich mir ein und versuche meinen angeschlagenen Sportsgeist wieder aufzubauen. Aber beim nächsten Mal besuche ich wohl ein Forellenpuff.


Die Sache mit dem Kiemenschnitt

Vom Gesetz her ein klarer Fall: Zur Entnahme bestimmte Fische werden durch Schlag auf den Kopf betäubt und getötet. Fische die grösser als 22 cm sind, müssen entblutet werden. Am Wasser wird das recht unterschiedlich ausgelegt. Der eine Fischerkollege pflegt die Felchen unmittelbar nach der Landung zu schächten und seine Fische zappeln noch gefühlte Ewigkeiten in der blutigen Kühlbox. Kommt mir nicht ganz koscher vor, auch wenn die Beute schliesslich korrekt ausgeblutet und tot daliegt. Ein anderer Kollege beschränkt sich auf den Schlag auf den Kopf, damit er zum Schluss Erinnerungsfotos von möglichst ästhetischen Fischen machen kann. Gelegentlich gibt er sich noch die Mühe, den versteckten Schnitt unter den Kiemendeckeln zu machen. «Eigentlich sind sie ja sowieso sofort tot», ist er überzeugt. Oder die Egli sind endlich in Beisslaune. Wir brechen ihnen ruckzuck das Genick und legen sie rasch hin, um gleich den nächsten Wurf machen zu können. Um den Eintrag in die Statistik und die korrekte Tötung durch Kiemenschnitt oder Ausnehmen wollen wir uns nachher kümmern. Und wenn jetzt grad eine Fischereikontrolle auftaucht? «Einen Schnitt mit dem Messer zu machen, ist eigentlich nicht so schwer!», geht mir durch den Kopf. Aber ich setze den nächsten Egli stattdessen zurück ins Wasser. Die Sache mit dem Freilassen geht einfacher als das mit dem Kiemenschnitt. Und eine Frage zum Thema geistert mir immer noch im Kopf herum: Was macht eigentlich der Berufsfischer mit seinem Fang?


Wozu der ganze Kram?

Auf geht es ans Wasser! Von vornherein ist klar, dass ich nicht mit leeren Händen zurückkommen werde. Schliesslich habe ich eine Handvoll Ruten, die Fischertasche mit allerlei Zubehör und noch eine Köderbox zu schleppen. Am Ende des gelungenen Fischertages geht es ein bisschen schwerer heim, ist es doch gelungen, eine gute Mahlzeit zu überlisten. Aber womit habe ich eigentlich die ganze Zeit gefischt? Wenn ich es mir genau überlege, waren bloss meine Lieblingsrute und zwei Köder meines Vertrauens im Einsatz. Und das eigentlich auch nur, weil einer abgerissen ist. Der Tag wäre nicht anders gelaufen, hätte ich nur diese eine Rute und die zwei Gummis dabeigehabt. Ich nehme mir vor, nächstes Mal möglichst unbeschwert ans Wasser zu gehen und auf den restlichen Kram zu verzichten. Als ich mein Fischzeug schliesslich auf das Wesentliche beschränken will, passiert es: Das Kopfkino geht los. Was, wenn ausgerechnet diesmal die grosse Jagd an der Oberfläche stattfindet und ich endlich den ersehnten Biss mit dem Oberflächenköder erleben könnte? Oder wenn an der Schilfkante der grosse Meterhecht vom letzten Jahr steht, den ich mit dem teuren handgemachten Jerkbait auf Sicht durch meine Polbrille anwerfen könnte? Oder sollte ich neben der schweren Hechtrute doch nicht auch die ultrafeine Dropshot-Rute mitnehmen, falls die Egli zickig sind? Ich kann mich nicht entscheiden und packe schliesslich für alle Eventualitäten ein. Manchmal ist weniger doch nicht mehr – und ich fische die eine Rute
und den Lieblingsköder entspannter, wenn ich den ganzen Rest auch dabeihabe.


Warum sie nicht beissen

Sie beissen nicht. Nichts ist zu machen. Vergeblich werden Stellen und Köder gewechselt, ohne dass sich daran etwas ändert. Ratlosigkeit macht sich breit. Was ist bloss mit den Fischen los?! Unter den Fischerkollegen kursieren verschiedene Theorien. Mal ist die Bise schuld, dann wieder der Föhn. Oder der Luftdruck schlägt ihnen auf den Magen, ob fallend oder steigend. Und dann gibt es ja noch die Mondphasen. Und was ist mit den Wassertemperaturen? Die Sprungschicht könnte sich verschoben haben und das Wasser ist ohnehin viel zu warm für diese Jahreszeit. «Schon gehört vom neuen Plankton und den asiatischen Muscheln?», meint James. «Nein, darum gehts nicht», widerspricht Kollege Samuel und weist auf den Nährstoffmangel und die Pestizide im See hin. «Kein Wunder sind die Fische weg, die haben ja nichts mehr zu fressen hier!». Wenn man mal begonnen hat mit der Suche nach den Gründen, fallen einem plötzlich auch die Schwimmer der Berufsfischer wieder auf. Diese Netze sind sicher neu, da hat man doch noch nie welche gesehen! Als ob das nicht genug wäre, fliegt auch noch eine Schar Kormorane über das Wasser.

Und plötzlich ist der Spuk vorbei und die Ruten krümmen sich wieder. Was sind wir doch für gute Fischer mit dem richtigen Riecher! – klopfen wir uns auf die Schultern. Aber warum beissen sie denn eigentlich? Wenn es gut läuft, machen wir uns darüber keine Gedanken.


Fortsetzung folgt ...

 

1 Kommentare


Bernd Taller

23 | 03 | 2021

Sehr schön zu lesen, macht nachdenklich. Ich bin auch immer in Gefahr zu viel an Ruten und Spinnködern mitzuschleppen. Dabei ist weniger doch oft mehr! Ich freue mich auf die Fortsetzung.


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