Wie gefährlich ist PKD für unsere Bachforellen?
07 | 02 | 2023 DiversesText & Fotos: Erich Bolli 05970
07 | 02 | 2023 Diverses
Text & Fotos: Erich Bolli 0 5970

Wie gefährlich ist PKD für unsere Bachforellen?

An der Wutach, dem Grenzfluss zwischen Baden-Württemberg und dem Kanton Schaffhausen, wird eine Langzeitstudie durchgeführt, die den Verbreitungsgrad, den Verlauf und die Auswirkungen der Proliferativen Nierenkrankheit PKD («Proliferative Kidney Disease») auf die Forellenpopulation untersucht. Wir präsentieren hier Zwischenergebnisse, die interessante Folgerungen zulassen.

Der Rückgang der Bachforelle im Schweizerischen Mittelland und seit einigen Jahren auch in den höher gelegenen Gewässern von Graubünden und Tessin ist eine leidige Tatsache. Ursachen gibt es gleich mehrere, wodurch die Gefährdung vervielfacht wird: Hitzesommer, die zu überhöhten Wassertemperaturen bzw. ausgetrockneten Bächen führen, harte Verbauungen, Schwallbetrieb der Wasserkraftanlagen sowie Kormoran und Gänsesäger setzen den Forellen arg zu. Ruhig geworden, ja fast in Vergessenheit geraten ist angesichts der aktuellen Plagen die Proliferative Nierenkrankheit PKD, welche unseren Forellen schon länger zu schaffen macht. 


Was ist PKD?

Zur Erinnerung: Wie schon im «Petri-Heil» 06/2020 beschrieben, wird die PKD der Salmoniden ausgelöst durch einen mehrzelligen Parasiten. Dessen Lebenszyklus vollzieht sich mittels zweier Arten von Wirtstieren: den Salmoniden als Zwischenwirt und mikroskopisch kleinen Moostierchen (Bryozoen) als Endwirt. 

Der Schweregrad der Erkrankung und somit die Sterblichkeit bei befallenen Tieren ist temperaturabhängig. Bei längerdauernden Perioden von mehr als 15 °C Wassertemperatur kann die Sterblichkeit bis zu 85 % betragen.

Bereits ab 9 °C Wassertemperatur scheiden Bryozoen infektiöse Sporen aus, die von Salmoniden aufgenommen werden können. Befallen werden vor allem Brütlinge und Sömmerlinge. Aber auch adulte Tiere können erkranken, wenn sie mit dem Parasiten erstmals im Erwachsenenalter in Berührung kommen. 

Die Erkrankung kann ohne äusserliche Zeichen verlaufen; es können aber auch Schwarzfärbung, blasse Kiemen sowie ein aufgetriebener Bauch erkennbar sein. In der Sektion ist als Hauptzielorgan eine vergrösserte, höckerige und gräulich verfärbte Niere kennzeichnend für die Erkrankung. Unterschiedlich mitbefallen können auch andere innere Organe wie Leber und Milz sein.

 Das Team des FV «Oberes Wutachtal» beim alljährlichen Abfischen zur Bestandeskontrolle.

Das Team des FV «Oberes Wutachtal» beim alljährlichen Abfischen zur Bestandeskontrolle.


PKD-Verbreitung bei den Wutach-Forellen

Die Wutach ist ein von zahlreichen Quellen bzw. kleinen Seitenbächen gespeister Schwarzwaldfluss, der bei Waldshut-Tiengen in den Rhein mündet. Über 6 km ist die Wutach Grenzfluss zwischen Baden-Württemberg und dem Kanton Schaffhausen. Dank dem kühlen Quellwasser und der mehrheitlich guten Uferbeschattung bleibt die Wassertemperatur auch in Hitzeperioden gut verträglich für die Fische. Leitfischart ist die Bachforelle, weitere häufig vorkommende Arten sind Regenbogenforelle, Groppe und Elritze. Der früher gute Äschenbestand ist seit einem Giftunfall in den 1970er-Jahren faktisch verschwunden. Wiederansiedlungsversuche mit Rheinäschen waren leider erfolglos. Glücklicherweise blieben die Forellen weitgehend verschont.

Der mittlere Teil der Wutach ist in Pacht des Fischerei­vereins «Oberes Wutachtal» Stühlingen. Der rührige Fliegenfischer-Verein mit seinem Vorsitzenden Armin Harth bemüht sich mit grossem ehrenamtlichen Aufwand für die Erhaltung bzw. Verbesserung der gewässerökologischen Bedingungen. So wurde ein grosses Renaturierungsprojekt in den letzten Jahren erfolgreich abgeschlossen. Da in den frühen 2010er-Jahren ein massiver Forellenrückgang festgestellt wurde und gleichzeitig die PKD-Krankheit in den Fachkreisen zunehmend in den Fokus geriet, vermutete man einen Zusammenhang. Das Vereinsmitglied Dr. Ernst Schneider (gest. 2021) initiierte darauf in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Fisch- und Wildtiergesundheit der Uni Bern unter Leitung von Prof. Heike Schmidt-Posthaus eine wissenschaftliche Untersuchung.

 Bei der E-Abfischung werden die Fische gezählt, gemessen und dürfen nach kurzer Erholung wieder in ihren Fluss zurück.

Bei der E-Abfischung werden die Fische gezählt, gemessen und dürfen nach kurzer Erholung wieder in ihren Fluss zurück.


Stopp der Forellen-Besatzmassnahmen

Bis 2015 versuchte man den Forellenbestand des Wutach-Reviers regelmässig durch Besatz zu stützen. Jährlich wurden bis zu 16'000 Sömmerlinge und Brütlinge eingesetzt. Diese Besatzfische wurden in einer nahe gelegenen Fischzucht aufgezogen, die Elterntiere stammten aus der Wutach. Der Erfolg blieb mässig. Nach eingehender Abklärung stellte man den Besatz 2016 ganz ein und setzte voll auf die Naturverlaichung. 

Die laufende PKD-Langzeitstudie des Instituts für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern konnte somit seit 2016 auf Forellen-Sömmerlinge aus 100 % Naturverlaichung zugreifen und untersuchen, ob eine unbeeinflusste Population über einige Jahre trotz PKD-Erkrankung stabil bleibt oder ob Besatz nötig ist, um ein Zusammenbrechen der Population zu verhindern. In der Wutach sind bisher die Bestände trotz gestopptem Besatz einigermassen stabil geblieben. Es wird interessant sein zu verfolgen, ob dies auch in den kommenden Jahren so bleiben wird.

Zudem wird in einer laufenden Studie der Frage nachgegangen, ob sich bei dem durch Besatz nicht mehr beeinflussten Forellenstamm über mehrere Generationen hinweg zwischen Wirt und Krankheitserreger ein Gleichgewicht mit zunehmend milderem Krankheitsverlauf entwickelt. Einige Indizien weisen darauf hin, das dies zutreffen könnte. 

 Frau Prof. H. Schmidt-Posthaus (links Mitte) mit ihrem Team bei der Sektion und ersten Beurteilung des PKD-Befalls der Nieren bei den BF-Sömmerlingen.

Frau Prof. H. Schmidt-Posthaus (links Mitte) mit ihrem Team bei der Sektion und ersten Beurteilung des PKD-Befalls der Nieren bei den BF-Sömmerlingen.


PKD-Verseuchung bedeutet nicht das Ende

Traditionell wird die Bestandeskontrolle jährlich durch ein eingespieltes Team von Vereinsmitgliedern mit Vertretern des Landesfischereiverbands Baden-Württemberg durchgeführt. Mittels Elektroabfischen jeweils im September an fünf immer gleichen Flussabschnitten werden die Forellen abgefischt, gezählt und gemessen und anschliessend sorgfältig zurückgesetzt. 

Die Anzahl von mehrjährigen Forellen war über die letzten Jahre leicht schwankend, jedoch ohne grosse Ausreisser. 2022 wurde im renaturierten Teil ein erfreulicher Anstieg der Sömmerlinge festgestellt. Diese Tatsache überrascht, hat es sich dabei doch um ein ungewöhnlich warmes und trockenes Jahr gehandelt. Es ist anzunehmen, dass die Renaturierung im betreffenden Abschnitt zu einer echten Aufwertung des Forellenhabitats geführt hat. 

Gleichsam als erwünschtes «Nebenprodukt» der E-Ab­fischung konnten dem Team vom FIWI der Uni Bern mit H. Schmidt-Posthaus vor Ort eine repräsentative Anzahl von naturverlaichten Sömmerlingen zur PKD-Untersuchung übergeben werden. 80 % der Sömmerlinge zeigten geringe bis mittelschwere Anzeichen einer PKD-Infektion wie Vergrösserung der Niere, Graufärbung und knotige Veränderungen. Zusätzlich wurde später im Labor ermittelt, dass auch die Tiere ohne äussere Veränderung ausnahmslos durch PKD infiziert waren.

Die Entwicklung der Häufigkeit der Krankheit sowie der Schweregrad der Veränderungen zeigten in den letzten sechs Jahren keine eindeutige Tendenz (H. Schmidt-Posthaus, Institut für Fisch- und Wildtiermedizin, unveröffentlichte Daten). Der nach wie vor schöne Bestand von Bachforellen in der Wutach weist indessen darauf hin, dass die Fische mit den gegenwärtigen Bedingungen zurechtzukommen scheinen: Die Mortalität bei den Wutach-Forellen dürfte lediglich bei etwa 15 % liegen. Bei überlebenden Tieren sind die Veränderungen langsam rückläufig bis zur totalen Abheilung, wobei die Regenerationsfähigkeit durch andere Infektionen und sonstige Stressfaktoren beeinträchtigt werden kann. Überlebende Tiere scheinen zumindest eine Teil-Resistenz gegenüber Neuinfektionen zu entwickeln. Und noch eine gute Nachricht: Für den Menschen besteht keine Gefahr durch den Parasiten, an PKD erkrankte Fische können ohne Bedenken verzehrt werden.



Folgerungen

  • Eine richtig durchgeführte Renaturierung wirkt sich günstig auf die Naturverlaichung aus. Vor PKD-Befall schützt sie die Jungfische aber nicht.

  • Da PKD-Befall und Schweregrad der Erkrankung bzw. Mortalität bei Wassertemperaturen über 15 Grad deutlich ansteigen, sollte dort, wo Besatz gemacht wird, das Einsetzen der Fische in der kalten Jahreszeit erfolgen.

  • Pächter sollten gut abklären, ob Besatzmassnahmen in ihrem Gewässer zielführend sind. Es gibt Indizien, dass Besatzmassnahmen eine natürliche Resistenzbildung (Wirt/Pathogen Ko-Evolution) in einer Fischpopulation behindern können und somit die Krankheitsentwicklung in einer Wildpopulation begünstigen.

Da diese PKD-Studie an der Wutach in den nächsten Jahren weitergeführt wird, sind diese Folgerungen als vorläufige Zwischenergebnisse zu betrachten. 

 

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