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| 11 | 03 | 2026 | Schweiz | |
| 11 | 03 | 2026 | Schweiz |
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Am Zugersee wurde der Fang und Vertrieb von Egli und Hecht verboten, weil die PFAS-Belastung bei diesen Fischarten über dem Grenzwert liegt. Eine genauere Betrachtung der lebensmittelrechtlichen Vorgaben und der Messwerte auch in anderen Seen wirft Fragen auf, denen dieser Artikel nachgeht.
Die Sendung Kassensturz hatte bereits vor drei Jahren auf das Problem der PFAS-Belastung in Fischen aufmerksam gemacht (PFAS bedeutet per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, sog. «Ewigkeitschemikalien»). Im Dezember 2024 berichtete die Zeitschrift «Petri-Heil» ausführlich über das PFAS-Gespenst in der Schweizer Fischerei. Im November 2025 erfolgte schliesslich ein Verbot für die Berufsfischerei, Egli und Hecht aus dem Zugersee zu verkaufen.
Die EU-Verordnung hatte 2023 für Lebensmittel, welche PFAS enthalten, Grenzwerte festgelegt. Dies wurde damit begründet, dass es sich bei den PFAS um eine Gruppe von Chemikalien handelt, die teilweise schädliche Eigenschaften aufweisen (potenziell Krebs verursachend und das Immunsystem schädigend). Die PFAS-Chemikalien sind schwer abbaubar und gelangten in die Umwelt respektive reicherten sich dort an, etwa weil sie bei teflonbeschichteten Bratpfannen, im Schaum von Feuerlöschgeräten oder bei wasserabweisenden Regenjacken eingesetzt wurden. Von besonderem Interesse ist die Summe der vier Komponenten PFOS, PFOA, PFNA und PFHxS, die im Wesentlichen die PFAS ausmachen.
Im Rahmen des Nachvollzugs der EU-Regelung hat das Eidgenössische Departement des Innern die Höchstgehalte für die vier erwähnten PFAS-Komponenten ebenfalls festgelegt und per 1.2.2024 in Kraft gesetzt. Die Summenwerte dieser PFAS dürfen im Muskelfleisch der Fische maximal betragen:
Gemäss der stellvertretenden Kantonschemikerin Kristine Hotz des Kantons Zug liegt der Mittelwert der PFAS-Komponenten beim Hecht bei 28,1 μg/kg und beim Egli bei 83,8 μg/kg. Bei beiden Arten liegen die Belastungen deutlich über den erlaubten Maximalwerten von 8 respektive 45 μg/kg, was am Zugersee zum lebensmittelrechtlichen Entscheid für das Verkaufsverbot für Hecht und Egli geführt hat.
Die Kontaminantenverordnung des Bundes verwendet für die Fischarten Lota lota und Abramis brama die in Deutschland gebräuchlichen Fischnamen Quappe und Brasse. In der Schweiz tragen diese beiden Fischarten aber die Namen Trüsche und Brachsmen. Dies lässt vermuten, dass die PFAS-Werte in der Schweiz von Leuten ohne vertiefte fischereiliche Kenntnisse umgesetzt wurden. Einige aus fischereibiologischer Sicht fragwürdige Argumentationen erstaunen deshalb nicht: So werden die in Deutschland vorkommenden Felchenarten (Coregonus albula und Coregonus vandesius) beim PFAS-Grenzwert 8 μg/kg aufgeführt, während die diversen in der Schweiz vorkommenden Felchenarten (Coregonus spp.) unter dem Grenzwert 45 μg/kg figurieren. Alle Felchen haben aber eine gleiche Position im Nahrungsnetz und ernähren sich vorwiegend von Zooplankton. Der hohe erlaubte Grenzwert für die Felchen mag für die Schweizer Netzfischerei zwar erfreulich sein, weil er die Berufsfischerei vor Verkaufsverboten schützt − aber es fehlt eine fischereibiologische Logik. Diese wird auch bei der trophischen Einstufung der verschiedenen Fischarten vermisst, denn bei fischfressenden Arten wird eine Aufkonzentration der PFAS-Gehalte erwartet und damit höhere Werte bei Fischen einer höheren trophischen Stufe. Doch für die Raubfische Hecht und Wels gilt der PFAS-Grenzwert von 8 μg/kg. Hingegen gilt für die erst ab einer grösseren Körperlänge fischfressenden Egli und Saibling sowie für die nicht fischfressenden Arten Rotauge, Barbe, Brachsmen, Schleie und Felchen der PFAS-Grenzwert von 45 μg/kg. Zumindest der Bericht «Schweizweite Kampagne zum Vorkommen von PFAS in tierischen Lebensmitteln» vom letzten Jahr erwartet ebenfalls eine PFAS-Anreicherung im Zusammenhang mit zunehmender trophischer Stufe der verschiedenen Fischarten.
Eine Studie des Kantons Tessin kam Ende 2024 zum Schluss, dass auch die Fische im Lago di Lugano zu viele PFAS-Chemikalien enthalten. Gemäss Presse-Informationen überschritten die gemessenen Werte die zulässigen Grenzwerte durchschnittlich um das Zehnfache. Doch die Berufsfischerei am Lago di Lugano müsse sich vorerst keine Sorgen machen, wurde gesagt.
Gemäss einem neuen Bericht vom Mai 2025 wurde neben dem Lago di Lugano (86 Fischproben) auch der Lago Maggiore (117 Fischproben) untersucht (erfasst wurde primär die Komponente PFOS).
Resultate am Lago Maggiore: Die PFOS-Werte für 36 untersuchte Egli lagen im Mittel bei 45 μg/kg. Der erlaubte PFOS Wert liegt bei 35 μg/kg und wurde von fast allen untersuchten Egli überschritten. Die 10 untersuchten Agone (Süsswasserheringsart) zeigten ein PFOS-Mittel von 37,7 μg/kg. Für die Agone gilt der Grenzwert für die «übrigen Fischarten», d.h. alle untersuchten Agone lagen um mehr als das Zehnfache über dem erlaubten PFOS-Wert von 2 μg/kg.
Resultate am Lago di Lugano: An dem bereits 2024 untersuchten See wurden im Jahr 2025 zusätzlich 42 Egli untersucht und dabei ein PFOS-Mittel von 37,8 μg/kg festgestellt. Rund 75 % der Egli lagen über dem erlaubten Grenzwert von 35 μg/kg.
Von der Messwertesituation in den weiteren Schweizer Seen ist wenig bekannt. Im bereits erwähnten Bericht «Schweizweite Kampagne zum Vorkommen von PFAS in tierischen Lebensmitteln» werden lediglich 29 Fischproben aus Seen/Flüssen erwähnt (zusammen mit Fischen aus der Zucht: 12 Egli, 11 Saiblinge, 10 Zander, 8 Forellen). Daraus lässt sich ableiten, dass in diesem vom Verband der Kantonschemiker/-innen geplanten und koordinierten Bericht die 203 Fischproben aus dem Tessin nicht enthalten sind, auch nicht die Fischproben aus dem Zugersee.
Trotz diesem unbefriedigenden Informationsstand zu den PFAS in den Fischen muss nach dem lebensmittelrechtlichen Präzedenzfall am Zugersee befürchtet werden, dass in Zukunft an weiteren Seen (z. B. Lago di Lugano und Lago Maggiore) Verkaufsverbote erlassen werden für Fischarten, die traditionell von der Berufsfischerei gefangen werden. Dies bedeutet einen weiteren Schlag für das ökonomische Überleben der Schweizer Berufsfischerei, nachdem deren Fangertrag zwischen den Jahren 2000 und 2024 bereits von 2000 auf 1000 Tonnen/Jahr zurückgegangen ist, hauptsächlich weil die explosionsartige Zunahme des Nutzungskonkurrenten Kormoran in der gleichen Zeitspanne die von ihm entnommene Fischbiomasse um 1000 Tonnen erhöht hat.
Die Schweizer Berufsfischerei und die für Lebensmittelsicherheit zuständigen Kantonschemiker/-innen sollten eigentlich das gleiche Interesse haben, nämlich die problematische Stoffgruppe der PFAS in den Produkten des täglichen Bedarfs zu verbieten, damit sie nicht mehr in die Umwelt gelangen und sich dort anreichern. Aber gemäss der Zeitschrift «Beobachter» kämpfen Schweizer Firmen offenbar gegen ein Verbot der PFAS-Chemikalien.
Gesamthaft muss man festhalten, dass ein kompliziertes dreistufiges, aus fischereibiologischer Sicht fragwürdiges Grenzwertsystem eingeführt wurde, ohne vorgängig seriöse Daten zur Belastungssituation der Fische gesammelt zu haben. Und dass offenbar nichts unternommen wird, um den PFAS-Eintrag in die Umwelt zu reduzieren, sondern dass einfach mit einer End-of-Pipe-Massnahme der Fischfang reduziert wird.
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