Seeforelle [– Herausforderung in Silber]
24 | 12 | 2020 Schweiz | PraxisText: Nils Anderson 02753
24 | 12 | 2020 Schweiz | Praxis
Text: Nils Anderson 0 2753

Seeforelle – Herausforderung in Silber

Der Fang der Seeforelle ist die ultimative Herausforderung für uns Fischer. Die Fischerei auf die Seeforelle hat eine grosse Tradition, auch wenn selbst mit dem besten Rezept der Erfolg noch lange nicht garantiert ist.

Es ist schon ein paar Jahre her. Ich stand auf der Hafenmauer und warf meinen Spybait ins graue Panorama. Wieder und wieder. Irgendwann stellt sich ein älterer Fischer neben mich und erzählt ungefragt: «Ja, da an einem Morgen. Von da bis zur Bucht dort. Fünf Seeforellen beim Schleiken gehabt, keine unter 65 Zentimeter!»

Der soll seine Märchen aus Urzeiten für sich behalten, dachte ich mir und klammerte mich weiter an die Hoffnung, dass der kleine Widerstand bei dem einen Wurf vorhin keine Einbildung, sondern tatsächlich ein Anfasser war.


Warum der Eröffnungstag ein spezieller Tag ist

Den meisten Fischern ergeht es beim Seeforellenfischen ähnlich. Jedes Jahr versuchen sie ihr Glück pünktlich zur Eröffnung, oft bereits in aller Herrgottsfrühe. Und nach den ersten Stunden mit zunehmend kalten Füssen und klammen Fingern schwindet dann auch die Zuversicht auf den «Lucky Punch» – aber das ist letztlich egal, schliesslich geht es beim Seeforellenfischen auch um Tradition und darum, dass man es versucht hat. Mitte Dezember beginnt die Saison auf die Seeforelle zuerst am Lac de Joux, dann folgen am 20. Dezember die Tessiner Seen, am Stefanstag dann der Zürich-, Walen-, Vierwaldstätter- und Zugersee sowie einige kleinere Seen. Im neuen Jahr dann der Bodensee und auf den Februar hin schliesslich die Berner Seen sowie Genfer- und Neuenburgersee. Auf den grösseren Seen sieht man am Eröffnungstag nicht nur Seeforellenfischer an den Stegen und Hafenanlagen, sondern jeweils eine ganze Armada an Booten, die das Gewässer kreuzen. In den darauf folgenden Tagen nimmt die Anzahl Boote und Uferfischer kontinuierlich ab, und nach einer Woche sind es nur noch die hartgesottenen Freaks, die den Forellen nachstellen. Die meisten Fischer wenden sich lieber wieder den Egli zu, unternehmen die ersten Versuche auf Felchen oder lassen es vorläufig bleiben.


Neugierde statt Misstrauen

Die Seeforellen sind im Herbst in die Bäche eingestiegen, um zu laichen und sind nun wieder zurück in ihrem Gewässer auf der Suche nach Beute. Da sie länger keinen Köder mehr gesehen haben, ist auch das Misstrauen gegenüber Kunstködern gesunken. Findige Schleppfischer hängen deswegen am ersten Tag besonders knallige Spangen und Löffel an ihre Zügel, um sich die Neugier der Fische zu Nutze zu machen. Doch diese Chance ist vor allem bei klaren Wasserverhältnissen schnell wieder vorbei. So werden diese Köder bereits bei der zweiten Ausfahrt gegen deutlich dezentere Modelle eingetauscht.

Für die Uferfischer bietet sich jetzt die grösste Chance in der Nähe von Jungfischschwärmen und bei den Einmündungen der Laichgewässer. Bemerkenswert ist, dass der Wurm dabei erstaunlich gut abschneidet, sei es am langsam sinkenden Sbirulino oder wie eh und je am Zapfen angeboten. Eine Seeforelle im Jagdrausch ist für diesen Köder durchaus zu haben – und trotzdem wird er erstaunlich selten angeboten. Ja, wenn man all die «geilen» Köder, die man sich für teures Geld gekauft hat, anschaut, ist die Bereitschaft, daneben noch einen ganz profanen Wurm anzubieten, wohl einfach nicht sehr gross.


Die Suche nach dem Schlüsselreiz

Und diese «geilen» Köder funktionieren ja auch. Einer, der sich intensiv damit auseinandergesetzt hat, ist unser Mitarbeiter und Seeforellen-Crack Daniel Luther. Vor allem die attraktive Führung hebt Luther hervor. Spinner, Twister, Gummifische und Löffel können so verführerisch präsentiert werden, dass wohl jeder Uferfischer anbeissen würde, wäre er denn selbst eine Seeforelle. «Dann kamen die japanischen Zauberwobbler, und ich war so fasziniert von ihrer Aktion und den unendlichen Möglichkeiten, dass ich fantasierte, die Uferfischerei würde bald das Schleiken überflügeln», schrieb Luther in diesem Magazin.

Eine Besonderheit, die fast alle Spinnköder im Gegensatz zu den gleichmässig geführten Schleppködern aufweisen, ist das Taumeln in den Pausen, wie er weiter ausführt. Das Flattern eines Löffels oder das Taumeln eines sinkenden Wobblers ist dabei der Schlüsselreiz. Dazu muss man wissen, dass Seeforellen auf ihrer Jagd mit hoher Geschwindigkeit in die Futterfischschwärme stos­sen und dort mit Schwanzschlägen und Kopfstössen ein heilloses Durcheinander veranstalten. Der Schwarm stiebt auseinander und ein paar halbbetäubte oder verletzte Fische bleiben zurück und flattern und taumeln orientierungslos umher. Diese sind jetzt eine leichte Beute für die Forelle. Genau dieses wehrlose Verhalten imitiert übrigens ein sinkender Wobbler ohne Tauchschaufel wie der «Wander» von Lucky Craft in seiner Sinkphase am besten. Aber auch wenn Cracks wie Dani Luther ihren Führungsstil und ihre Köderauswahl optimiert haben, können sie ein langes Lied singen von den Stunden am perfekten Spot, bei denen der Biss einfach nicht kommen wollte. Die Köder fangen wirklich Forellen, aber halt doch vor allem in der Theorie.

 Der Fang einer solchen Forelle gehört auch für Uferspezialisten wie Dani Luther zu den seltenen Lichtblicken. © Daniel Luther

Der Fang einer solchen Forelle gehört auch für Uferspezialisten wie Dani Luther zu den seltenen Lichtblicken. © Daniel Luther

 © Daniel Luther

© Daniel Luther

 Das Schleppen mit dem Seehund auf Seeforellen ist eine hochentwickelte und traditionsreiche Fischerei.  © Nils Anderson

Das Schleppen mit dem Seehund auf Seeforellen ist eine hochentwickelte und traditionsreiche Fischerei. © Nils Anderson


Nur wenn jedes Detail stimmt

Während die Uferfischer auf der Suche nach dem glückverheissenden Biss sind, können es die Schleppfischer deutlich gelassener und systematischer angehen. Auf den grossen Seen ermöglichen Seehunde und Tiefseerolle eine umfangreiche Köderpräsentation. Wer mit 10 Zügeln am Seehund fährt, kann ein Gewässer auf einer Breite von 40 oder 50 Metern durchkreuzen, und die Tiefsee­rolle ermöglicht eine Köderpräsentation fast bis in die tiefsten Regionen der Gewässer. Neben dem toten Köderfisch am System sind vor allem Löffel und Perlmuttspangen sehr erfolgreich. Hierbei ist die fängige Präsentation mindestens so schwierig wie beim Versuch vom Ufer aus. Entdeckt eine Seeforelle einen gleichmässig geführten Köder, so stürzt sie sich nur in Ausnahmefällen direkt darauf. Viel eher verfolgt sie ihn genau beobachtend in einiger Entfernung. Dieses Verhalten erklärt, warum einige Spangen und Löffel fängiger sind als andere und Schleppfischen eben deutlich mehr ist als das Hinterherziehen eines beliebigen Köders. Nur wenn jedes Detail stimmt, überwiegt der Jagdtrieb gegenüber dem Misstrauen, und die Forelle entschliesst sich zum Zupacken. Eine erwiesenermassen fängige Spange oder ein fängiger Löffel sollte man deshalb unter keinen Umständen manipulieren, weder Wirbel noch Haken sollten durch ein anderes Modell ersetzt werden. Unser Mitarbeiter Ronny Camenisch ist oft auf dem Walensee unterwegs und meint zur Frage, ob Löffel oder Spangen den Vorzug zu geben sei: «Bei den Perlmutt-Spangen kann man vieles falsch machen, schliesslich ist jede Spange ein natürliches Unikat. Falsch eingestellte Spangen werden nie eine Seeforelle fangen. Hingegen darf auch gesagt werden, dass mit ein wenig Erfahrung und geschultem Auge fast jede Spange zum Laufen und Fangen gebracht werden kann. Aus meiner Sicht ist der Einstieg in die Schleppfischerei mit Blechlöffeln vermutlich etwas einfacher. Blechlöffel haben in den meisten Fällen schon eine gewölbte S-Form, die ohne Nachbiegen oder sonstigem Tuning schon lauf- und fangfähig ist.»

 «Petri-Heil»-Mitarbeiter Ronny Camenisch ist viel – und durchaus erfolgreich – auf  dem Walensee unterwegs. © Ronny Camenisch

«Petri-Heil»-Mitarbeiter Ronny Camenisch ist viel – und durchaus erfolgreich – auf dem Walensee unterwegs. © Ronny Camenisch

 Vom Löffel über Spybait bis zum Wobbler kommen viele Köder beim Uferfischen in Frage. Wichtiger als der richtige Köder sind Zuversicht, Durchhaltewillen und Vertrauen. © Nils Anderson

Vom Löffel über Spybait bis zum Wobbler kommen viele Köder beim Uferfischen in Frage. Wichtiger als der richtige Köder sind Zuversicht, Durchhaltewillen und Vertrauen. © Nils Anderson


Schnelles Wachstum

Es ist also vor allem ein gesundes Misstrauen unseren Ködern gegenüber, welches Seeforellen gross werden lässt. Nicht umsonst sind sie in ihrem Gewässer erfolgreich unterwegs. Stimmen die Bedingungen (und das Verhalten der Fische), können Seeforellen sehr schnell abwachsen und nach etwas mehr als einem Jahr eine Länge von 40 Zentimetern aufweisen und bereits nach fünf oder sechs Jahren kapitale Längen von 80 Zentimetern und mehr erreichen. Nach generell kühleren Jahren mit kalten Wintern stehen die Chancen auf ein gutes Abwachsen der Seeforellen-Bestände besonders gut. Bekanntermassen sind solche Winter aber immer mehr die Ausnahme. Noch vor dreissig Jahren war die Wassertemperatur Ende Dezember an der Oberfläche fast jedes Jahr vier Grad Celsius oder kühler, mittlerweile sind die Temperaturen auf zwischen sechs und acht Grad angestiegen.

Ein beachtlicher Hemmfaktor für ein gutes Aufkommen von Seeforellen sind die in unserem Magazin schon oft beklagten Schwierigkeiten mit den Laichgewässern. Es besteht noch immer ein riesiger Renaturierungsbedarf, der mit hohen Kosten verbunden ist.


Die besten Gewässer?

Seeforellen-Top-Gewässer findet man kaum noch. Fast überall sind die Fangzahlen rückläufig oder auf tiefem Niveau schwankend. Nimmt man die gesamte Anzahl gefangener Seeforellen in der Schweiz, so bilden die Jahre 2017 und 2018 einen vorläufigen Tiefpunkt mit jeweils weniger als 12?000 Fängen. Die drei grössten Gewässer Genfersee, Bodensee und Neuenburgersee verzeichnen einen klaren Abwärtstrend. Es sind auch diejenigen Gewässer, die besonders stark von einem massiven Kormoranaufkommen betroffen sind. Und im Fall des Bodensees bringt ein explosionsartiges Aufkommen neuer Arten wie dem Stichling oder der Quaggamuschel die Bedingungen im Gewässer laufend durcheinander.

Einige wenige Seen zeigen dafür erfreulicherweise einen Aufwärtstrend. So weist der Brienzersee steigende Fangzahlen auf, was von vielen Angelfischern auf den Rückgang der Berufsfischerei zurückgeführt wird. Besonders zur Eröffnung am 1. Februar tummeln sich die Seeforellenfischer regelrecht an den Ufern des Brienzersees. Beim Vierwaldstättersee zeigt sich ein durchzogenes Bild. Während der Seeforellenstamm, der bei Luzern die Reuss hinabstieg, um dort zu laichen, quasi verschwunden ist, erfreut sich der Laichaufstieg in die Urner Reuss guter Zahlen, die sich auch in den Angelfängen auf dem Urnersee widerspiegeln. Hier scheint die Bewirtschaftung, die vom Kanton Uri seit jeher mit Entschlossenheit und grossem Einsatz durchgeführt wird, gute Früchte zu tragen. Jedes Jahr können Seeforellen von 90 Zentimetern und mehr gestreift werden. Es habe deutlich mehr aufsteigende Forellen, als für die Bewirtschaftung genutzt werden können. «Beim Anblick dieser prächtigen Tiere kann einem das Augenwasser kommen», schwärmte Markus Gisler, ehemaliger Präsident des Urner Fischereivereins. Auch ennet dem Gotthard, im Langen- und Luganersee werden immer wieder erfreuliche Fangzahlen vermeldet. Dort ist die Bewirtschaftung ebenfalls intensiv und zudem wird hinter vorgehaltener Hand erklärt, dass es für die Seeforellenpopulation auch ein Glücksfall sei, dass die italienischen Fischerkollegen deutlich weniger ausgefeilte Strategien auf dem See verfolgten als die Tessiner.

Kein einheitliches Bild: Die Bestände in den wichtigsten Seeforellen-Gewässern sind schwankend.
2018 gehörte zu den schwächsten Jahren überhaupt.


Auch in absehbarer Zeit wird sich die Situation der Seeforellen kaum entspannen, zu zahlreich sind die sich stetig verschärfenden Probleme. Das grosse Versprechen am Angelhaken bleibt die silbern blinkende Grossforelle aber weiterhin. Als einem Kollegen vor ein paar Jahren zehn Tage vor Ende der Schonzeit eine 55er-Seeforelle beim Eglifischen an den Haken ging und er diese dann sorgfältig zurücksetzte, schüttelten andere Fischer den Kopf und meinten: «Pack sie doch ein und geh nach Hause! So eine fängst eh nie mehr vom Ufer aus!». Noch am selben Nachmittag wusste der halbe Zürichsee, dass in Wädenswil eine an den Haken gegangen war …

 

0 Kommentare


Keine Kommentare (Kommentare erscheinen erst nach unserer Freigabe)


Schreibe einen Kommentar:

Zurück zur Übersicht

Das könnte Dich auch interessieren: