Flusskrebse der Schweiz
05 | 01 | 2024 Schweiz | DiversesText: Hansjörg Dietiker & Ruben Rod | Fotos: Michel Roggo 01250
05 | 01 | 2024 Schweiz | Diverses
Text: Hansjörg Dietiker & Ruben Rod | Fotos: Michel Roggo 0 1250

Flusskrebse der Schweiz

Einheimische Flusskrebse sind in der Schweiz stark gefährdet. Ein grosses Problem ist die Krebspest, welche durch eingeführte Arten eingeschleppt wurde. Aber auch die Zerstörung von Lebensräumen machen den grössten wirbellosen Bewohnern unserer Gewässer­ zu schaffen.


Weltweit gibt es über 600 Krebsarten, zwei Drittel davon leben in Nordamerika. In der Schweiz existieren in der freien Wildbahn gemäss aktuellem Wissensstand acht verschiedene Flusskrebsarten. Davon gelten vier Arten als einheimisch und weitere vier Krebsarten wurden in Schweizer Gewässer eingeführt: Eine Art aus Osteuropa und drei Arten aus Amerika. Die Krebspest ist ein Pilz (Aphanomyces astaci), der sich via Sporen in Gewässern verbreitet. Er wurde Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit den amerikanischen Krebsarten als Träger des Erregers nach Europa verschleppt und hat in der Folge einen Grossteil der einheimischen Krebs­bestände vernichtet­.


Biologie der Krebse

Die Paarung findet im Herbst statt. Nach der Befruchtung der Eier trägt das Weibchen diese über mehrere Monate an der Unterseite des Hinterleibs mit sich. Erst im Frühjahr schlüpfen die Larven am Muttertier und verbleiben noch für eine kurze Zeit dort. Krebse besitzen einen harten Panzer aus Chitin, der ihnen einen mechanischen Schutz bietet. Allerdings macht dieser Panzer ein kontinuierliches Wachstum unmöglich. Um wachsen zu können, müssen sie sich ihres Panzers für kurze Zeit entledigen und das Aushärten des neuen Panzers abwarten. In dieser Phase werden die weichen Krebse auch «Butterkrebse» genannt und sind besonders angreifbar für Feinde und Artgenossen. Die Häufigkeit der Häutung verändert sich im Laufe eines Krebslebens in Abhängigkeit von Wachstum und Alter.



Einheimische Arten



Edelkrebs
Astacus astacus (Linnaeus, 1758)

  • Scherenunterseiten sowie Gelenkhäute rot
  • Augenwulst: zweiteilig
  • Körperpanzer ist nicht glatt und fühlt sich rau an

Die grösste einheimische Krebsart bewohnt hauptsächlich Stillgewässer, Kanäle und Fliessgewässer des Flachlands, seltener Bäche und ausnahmsweise auch Bergseen (maximale Meereshöhe 1800 m ü. M. im Engadin). Der Edelkrebs ist relativ robust und dessen Ansprüche an die Wasserqualität und den Sauerstoffgehalt sind geringer als bei den anderen einheimischen Arten. Die Art kommt in fast allen Kantonen vor, fehlt aber auf der Alpensüdseite. Grosse Exemplare können bis zu 18 cm lang (ohne Scheren) und über 250 g schwer werden und dabei ein Alter von über 15 Jahren erreichen.



Steinkrebs

Austropotamobius torrentium (Schrank, 1803)

  • Augenwulst: einteilig
  • Dornen hinter Nacken­furche: nein
  • Im Vergleich zu anderen Krebsen kleiner

Die kleinste heimische Art besiedelt hauptsächlich Fliessgewässer und teilweise Stillgewässer. Der Steinkrebs ist in seiner Färbung sehr variabel und kann von bräunlich über grünlich bis hin zu rötlich oder schwarz reichen und mit einem fleckigen/marmorierten Muster versehen sein. Die optimalen Temperaturen des Steinkrebses liegen zwischen 14 und 18 °C und das tolerierte Maximum bei rund 23 °C. Starke Erwärmung und Trockenheit der vorwiegend kleinen Gewässerläufe stellen eine grosse Gefahr für die verbliebenen Populationen dieser Art dar.



Dohlenkrebs

Austropotamobius pallipes (Lereboullet, 1858)
und Austropotamobius italicus (Faxon, 1914)

  • Augenwulst: einteilig
  • Dornen hinter Nackenfurche: ja (deutlich)
  • Scheren im Vergleich zu Edelkrebs eher gedrungen

Die Dohlenkrebse gehören zu einem Artkomplex mit verschiedenen Arten und Unterarten, die sich nur genetisch eindeutig zuordnen lassen. Wie sein naher Verwandter, der Steinkrebs, ist er im Vergleich zum Edelkrebs vergleichsweise klein. Seine Scherenunterseiten sind niemals rot, wodurch man ihn gut vom Edelkrebs unterscheiden kann. Dohlenkrebse fehlen grösstenteils im Nordosten der Schweiz und sind stark rückgängig. Zahlreiche Dohlenkrebspopulationen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden oder nur noch als isolierte Restpopulationen in Oberläufen und in Weihern vorhanden.



Nicht einheimische Arten

 Nicht-heimische Flusskrebse, wie dieser Kamberkrebs im Zugersee, breiten sich zunehmend aus und verbleiben. © André Suter

Nicht-heimische Flusskrebse, wie dieser Kamberkrebs im Zugersee, breiten sich zunehmend aus und verbleiben. © André Suter



Galizierkrebs

Pontastacus leptodactylus (Eschscholtz, 1823)

  • Vergleichsweise hell gefärbter Krebs mit auffallend langen und schmalen Scheren
  • Augenwulst: zweiteilig
  • Scherenunterseiten sind nicht rot

Diese ursprünglich aus Osteuropa und der Türkei stammende Art wurde in den 1970er-Jahren zu kulinarischen Zwecken in die Schweiz eingeführt, um die stark geschrumpften Bestände des Edelkrebses zu kompensieren. Der Galizische Sumpfkrebs oder auch kurz «Galizier» genannt ist in seiner Grösse dem Edelkrebs ebenbürtig. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zum Edelkrebs sind die besonders bei Männchen stark langgezogenen Scheren, deren Unterseiten beige gefärbt sind. Er besiedelt Seen und Teiche der Ebene (bis in eine maximale Höhe von 724 m ü. M.). Diese Art kann lokal Populationen einheimischer Flusskrebse unter Druck setzen, ist jedoch auch anfällig für die Krebspest und gilt aus diesem Grund nicht (mehr) als grosse Bedrohung für die einheimischen Flusskrebsarten.



Kamberkrebs

Faxonius limosus (Rafinesque, 1817)

  • Markante dunkle Bänderung auf dem Hinterleib
  • Augenwulst: einteilig
  • Dornen hinter Nackenfurche: ja
  • Im Vergleich zu den anderen nicht einheimischen Krebsen kleiner

Der von der Ostküste der USA stammende Kamberkrebs wurde während des 19. Jahrhunderts in Europa eingeführt und in der Schweiz seit den 1970er-Jahren beobachtet. Man findet ihn heute in fast allen grossen Schweizer Seen inklusive der Alpensüdseite, wo er oft als häufigste Art vorkommt. Auch der Rhein ab dem Bodensee und die Aare ab dem Bielersee sind fast durchgehend vom Kamberkrebs bewohnt. Doch im Gegensatz zum Signalkrebs besiedelt er kaum kleine Oberläufe. Dieser eher kleine Flusskrebs hat auf dem Schwanz rötlich-braune Streifen und orange Scherenspitzen mit einem schwarzen Rand.



Roter Amerikanischer Sumpfkrebs
Procambarus clarkii (Girard 1852)

  • Auffallend lange und schmale Scheren gespickt mit zahlreichen roten Dornen
  • Augenwulst: einteilig
  • Die Rückenfurchen berühren sich

Der farbenprächtige Rote Amerikanische Sumpfkrebs stammt ursprünglich aus dem Süden der USA. Schon früh wurde die Art aus kulinarischen Gründen in anderen Teilen der Welt eingesetzt. Heute kommt er auf allen Kontinenten mit Ausnahme von Australien und der Antarktis vor. In Europa wurde er erstmals 1973 aus kommerziellen Gründen in Spanien eingeführt und hat sich seither besonders in ganz Südeuropa stark verbreitet. In der Schweiz wird diese Art seit den 1990er-Jahren beobachtet und birgt ein beträchtliches Schadenpotenzial. Eigenheiten sind das Anlegen von tiefen Wohnröhren im Untergrund und die Fähigkeit, bei feuchter Witterung an Land zu gehen und aktiv andere Gewässer aufzusuchen.



Signalkrebs

Pacifastacus leniusculus (Dana 1852)

  • Markanter heller Fleck in den Winkeln der grossen Scheren (Oberseite)
  • Augenwulst: zweiteilig
  • Scherenunterseite rot (wie Edelkrebs!)
  • Körperpanzer fühlt sich glatt an, ist nicht rau

Diese Art wird in der Schweiz seit Ende der 1980er-Jahre beobachtet. Der Signalkrebs besitzt wie der Edelkrebs rötliche Scherenunterseiten und zwei Augenleisten. Wichtigstes Erkennungsmerkmal dieses grossen Flusskrebses ist die helle weisslich-blaue Färbung auf den Scherengelenken. Er ist im Gegensatz zum Edelkrebs vollkommen glatt. Der Signalkrebs befindet sich weiterhin in Ausbreitung und erschliesst Lebensräume im Einzugsgebiet des Rheins (Birs und Aare) und der Rhone sowie von kleinen isolierten Populationen aus, welche aus illegalen Besätzen stammen. Diese gegen die Krebspest resistente Art stellt eine grosse Bedrohung für einheimische Arten dar, da sie diese Krankheit aktiv verbreitet und auch in kühlere Seitengewässer vordringt, wo einheimische Flusskrebse bisher ein Refugium hatten.


Aufgrund der Beliebtheit von Flusskrebsen in der Aquaristik kann man davon ausgehen, dass demnächst weitere exotische Flusskrebse im Freiland auftauchen werden. In Deutschland ist das mit dem Marmorkrebs (Procambarus fallax) und dem Kalikokrebs (Faxonius immunis) bereits passiert, welche ebenfalls Verbreiter der Krebspest sind. Auch australische Arten der Gattung Cherax werden in Europa vereinzelt gefunden. Die einheimischen Krebse haben weiterhin keinen einfachen Stand; das Halten von nicht einheimischen Flusskrebsen in der Schweiz ist nicht sinnvoll und daher verboten.

Weitere Informationen zu Flusskrebsen sind auf der Fachstelle für Flusskrebse verfügbar und Beobachtungen zu Krebsvorkommen werden gerne entgegengenommen: www.flusskrebse.ch

 

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