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| 27 | 02 | 2026 | Schweiz | |
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Wir haben für unsere interessierte Leserschaft mehr Facts und Expertenstimmen gesammelt zum heftig diskutierten neuen Seeforellenschonmass am Bodensee.
Wie wir in der Ausgabe Nr. 1/2026 berichteten, gilt im Bodensee neu ein Schonmass von 60 Zentimetern. Vorher lag es bereits bei 50 Zentimetern und war damit das höchste Seeforellenschonmass in der Schweiz.
Ausgangspunkt für die von der IBKF im Juni 2025 verfügte und spätestens seit der Saisoneröffnung am 10. Januar leidenschaftlich umstrittene Massnahme ist der beunruhigende Rückgang der Seeforellenfänge seit spätestens 2015. Noch heftiger ist die Felchenkrise, die bereits 2024 zu einem dreijährigen Fangmoratorium geführt hat. Dazu kommen zahlreiche Neozoen-Invasionen von Süsswassergarrnelen bis zur Quaggamuschel. Und dann noch die Stichlinge! Im Moment erinnert der Bodensee an ein fischereiliches Freiluftlabor.
Wir spüren bei unserer Leserschaft und bei vielen unserer Kolleginnen und Kollegen grosses Interesse für die vertrackte Situation am Bodensee, der gleichzeitig zu den ökologisch bestuntersuchten Gewässern Europas gehört. Aus dieser Krise lässt sich möglicherweise etwas lernen!
Dr. Kurt Schmid ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung und zurzeit auch Leiter der AG Wanderfische. Er möchte den Entscheid der IBKF-Bevollmächtigten verständlicherweise nicht öffentlich kommentieren. Freundlicherweise hat er uns aber auf zwei interessante IBKF-Studien der AG Wanderfische (zum Download auf ibkf.org) aufmerksam gemacht, die sich gut eignen, um die Situation zu bewerten.
In der «Seeforellenstudie 2016: fischbiologische Untersuchungen der AG Wanderfische» findet man aufschlussreiche Zahlen zur Beurteilung des neuen Schonmasses.
In dieser Studie wurden Daten und Proben von fast 400 Seeforellen untersucht, die 2016 im Bodensee-Obersee in Netzen von freiwillig an der Untersuchung teilnehmenden Berufsfischern gefangen worden waren.
Mehr als 80 Prozent der Seeforellen waren Beifänge in Felchen-Schwebnetzen. Die detailliert erfassten Seeforellen waren zwischen 22 und 95 Zentimeter lang. Am häufigsten gefangen wurden Jungforellen in der Grössenordnung zwischen 28 und 35 Zentimetern sowie «Teenager» von 45 bis 55 Zentimetern. Fast 90 Prozent lagen unter dem Schonmass von 50 Zentimetern.
Zu einer damals schon diskutierten Erhöhung des Schonmasses steht im Bericht: «Auswertungen (...) von 2006 bis 2016 zeigten, dass rund 75 Prozent der von Angelfischern gelandeten Seeforellen Längen von 50 bis 60 cm aufwiesen.» Folglich sei davon auszugehen, dass bei einer Schonmasserhöhung die Fänge der Angelfischer drastisch zurückgehen würden.
Daraus errechneten die Autoren, dass mindestens 67 Prozent der rund 4500 pro Jahr im Netz gefangenen Seeforellen nicht geschlechtsreif waren, also etwa 3000 Stück. Bei den rund 750 Anglerfängen lag dieser Anteil nur bei 46 Prozent, also etwa 330 Stück.
Ein Fazit dieser Rechnung: «Da dieses Schonmass nur im Rahmen der Freizeitfischerei umsetzbar ist, wird die dabei erzielbare biologische Wirkung als vergleichsweise gering beurteilt: Zwischen 10 bis 15 Prozent der insgesamt pro Jahr entnommenen nicht geschlechtsreifen Tiere könnten damit geschützt werden, das entspricht aktuell (2016) etwa 250 Individuen.»
Dass diese erst spät geschlechtsreif werden, ist belegt: Bis zu einer Länge von 55 cm war höchstens ein Drittel der jeweiligen Längenklasse geschlechtsreif. Erst ab einer Länge von 61 cm hatten alle untersuchten Rogner die Geschlechtsreife erreicht.

Im «Jahresbericht der AG Wanderfische 2024», der von Kurt Schmid verfasst wurde, findet man die aktuellsten Kennzahlen und weitere spannende Einschätzungen.
Der Seeforellenfang der Berufsfischer hat sich mit 1188 kg gegenüber dem Vorjahr um 64 % verringert. Dieser Rückgang ist gemäss dem Bericht «sehr wahrscheinlich» darauf zurückzuführen, dass durch das Verbot von Felchen-Schwebnetzen ein grosser Teil der Seeforellen-Beifänge entfiel. Diese Annahme werde durch die deutlich gesteigerten Seeforellenfänge der Angelfischer seit 2023 gestützt. Was ebenfalls seit 2022 zunimmt, ist die Zahl der aufsteigenden Laichfische in mehreren Zuflüssen, beispielsweise an der Goldach und der Steinach, an der Ill oder am Alpenrhein. Denn schon damals wurde wegen des kollabierenden Felchenbestands viel weniger mit Schwebnetzen gefischt. Es stellt sich die Frage, weshalb die IBKF im Juni 2025 angesichts dieser Zahlen und Zusammenhänge und wohl gegen die Empfehlung diverser Fachleute eine so drastische und einseitige Einschränkung für die noch rund 13'500 Freizeitfischer auf dem Bodensee beschlossen hat. Dies im Wissen, dass diese Massnahme kaum zur Renaissance der Seeforelle beitragen wird. Es entsteht der Eindruck einer unüberlegten Alibiübung, weil die IBKF politisch schmerzhaftere Diskussionen nicht führen will oder kann.
Dr. Andreas HertigDer erfahrene Seeforellenfischer beschäftigt sich von Berufs wegen seit mehr als 20 Jahren mit dem Management von Seeforellen in Schweizer Gewässern.
Andreas Hertig findet die Massnahme auch aufgrund des Berichts der AG Wanderfische von 2016 nicht sinnvoll und wissenschaftlich zu wenig fundiert. Der erwähnte Bericht zeige klar, dass eine solche massive Fangmindestmasserhöhung in einem See mit Berufs- und Angelfischerei wenig bringe, weil nur einseitig bei der Angelfischerei alle Erstlaicher geschützt würden, jedoch auf Seiten der Netzfischerei durch die Massnahme der schon bisher hohe Anteil an entnommenen untermassigen Forellen sogar noch ansteige.
Er ist aus seiner Praxiserfahrung heraus der Meinung, dass für eine nachhaltige Seeforellenfischerei nicht jedes einzelne Tier mindestens einmal ablaichen müsse (wie das beispielsweise auch bei der Lachsfischerei nicht der Fall sei). In seinem Bericht «Seeforellen-Management im Kanton Zürich 2018-2026» (Hertig war von 2005-2018 Fischereiadjunkt des Kantons Zürich) schreibt er: «Dem Fangmindestmass von Seeforellen in grossen Seen wird vermutlich zu viel Gewicht beigemessen. Entscheidend scheint der Zugang zu intakten Laichgewässern mit funktionierender Naturverlaichung zu sein. Anders ist nicht zu erklären, dass in die zahlreichen Genfersee-Zuflüsse nach wie vor mehrere Tausend Laichtiere einsteigen, obwohl das Fangmindestmass im Genfersee seit Jahrzehnten nur 35 cm beträgt, was in anbetracht der Laichtiergrössen in Aubonne und Dranse lächerlich klein scheint. Da sich Seeforellen mit zunehmendem Alter in grösseren Tiefen aufhalten, scheint in tiefen Seen ein ausreichender Anteil der Seeforellen der Fischerei zu entkommen. Es fällt auf, dass ausnahmslos alle grossen Schweizer Seen, die noch ansprechende Seeforellenbestände haben, unabhängig vom Fangmindestmass Zugang zu intakten Laichgewässern aufweisen.» Es lohne sich aus seiner Sicht viel mehr, Lebensraumaufwertungen weiter voranzutreiben sowie allenfalls Tages- und Jahresfanglimiten anzupassen und beim Seeforellenschonmass einen seespezifischen, pragmatischen Mittelweg zu finden, sagt Hertig im Gespräch mit «Petri-Heil».
Andrin KrähenbühlDer begeisterte Salmonidenfan informiert im Auftrag von BAFU und Eawag die Fischerschweiz über aktuelle Themen in der Fischereibiologie und der Gewässerökologie. Er hat für uns drei für ihn wichtige Punkte zum neuen Schonmass verfasst.
Das neue Schonmass im Bodensee lässt erwarten, dass mehr Seeforellen beim Schleppen wieder freigelassen werden müssen. Die Mortalität bei der Schleppfischerei ist in der Schweiz leider nicht gut untersucht. Die aktuelle Situation bietet die Chance, die beiden Bewirtschaftungsstrategien miteinander zu vergleichen. Beispielsweise anhand der Fänge, der Anzahl der Aufsteiger oder der Laichgruben.
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