Abschied vom Blei?
19 | 08 | 2026 Praxis | Produkte | DiversesText: Nino Schneider 0265
19 | 08 | 2026 Praxis | Produkte | Diverses
Text: Nino Schneider 0 265

Abschied vom Blei?

Noch vor wenigen Jahren dominierten Montagen und Köder mit Blei in der Schweizer Fischerei. Soeben wurde jedoch ein weitgehendes Verkaufsverbot in der EU beschlossen. Wir blicken auf die Alternativen.


Der Einsatz von Blei in der Fischerei ist noch immer weit verbreitet und beliebt, sieht sich jedoch immer stärkerer Kritik ausgesetzt, die jetzt Konsequenzen haben. Wer ein Stück Blei auf dem Seegrund verliert, muss sich zwar keine grossen Gedanken machen, da es ja nicht wasserlöslich ist und dort sedimentiert. Anders ist der Fall im Fliessgewässer. Dort kann durch die Bewegung des Geschiebes das Blei zerrieben werden und in Form kleinster Partikel von Lebewesen aufgenommen werden und so seine giftige Wirkung entfalten. Besonders gefährdet sind Wasservögel, da sie etwa Bleischrot mit Nahrung verwechseln und verschlucken können.

Unter anderem aus diesen Gründen wird die Verwendung von Blei zunehmend eingeschränkt. Ein finales Verkaufsverbot für Blei in der EU ist soeben beschlossen worden. Schrittweise werden Bleiköder und Gewichte vom Verkauf ausgeschlossen werden. Zuerst trifft es Tropfenbleie, dann folgen Köder und allgemeine Gewichte unter 50 Gramm und mit einer Frist von fünf Jahren schliesslich auch grössere Köder und Gewichte bis zu einem Kilo.

In der Schweiz gibt es bisher nur regionale Einschränkungen: Beispielsweise gilt in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land ein komplettes Bleiverbot (Verkauf und Gebrauch).

Dass in naher Zukunft in Übereinstimmung mit den Gesetzen der EU weitere Einschränkungen oder Verbote von Blei erhoben werden, ist fast sicher. Bleifreie Alternativen werden deshalb weiter an Bedeutung gewinnen.

 Für die Finesse-Fischerei ist der Abschied vom Blei kein Problem: Patronengewichte aus Tungsten, welche für das Fischen mit dem Carolina-Rig verwendet werden, haben zahlreiche Vorteile. © Sidy Ouattara

Für die Finesse-Fischerei ist der Abschied vom Blei kein Problem: Patronengewichte aus Tungsten, welche für das Fischen mit dem Carolina-Rig verwendet werden, haben zahlreiche Vorteile. © Sidy Ouattara


Ist Tungsten das bessere Blei?

Tungsten, auch als Wolfram bekannt, ist ein interessanter Bleiersatz. Durch die höhere Dichte ist das Volumen bei gleichem Gewicht kleiner. Auch ist es härter als Blei, was genauere Rückmeldungen bei der Köderführung ermöglicht. Auch im Fliegenfischen hat sich Tungsten etabliert, in Form von sogenannten Tungsten-Beads. Damit lassen sich schneller sinkende Nymphen binden. Der wohl grösste Vorteil liegt jedoch in der Umweltverträglichkeit. Im Vergleich zu Blei gilt Tungsten als deutlich umweltfreundlichere Alternative, da es weniger giftig ist. Wer mit Tungsten fischt, profitiert also von besserer Rückmeldung, kompakteren und damit realistischeren Ködern, einer schnelleren Absinkphase und belastet die Umwelt bei Verlust weniger.

 

Gefragter Rohstoff

Die Probleme von Tungsten sind ganz anderer Art als diejenigen von Blei. Tungsten ist ein gefragter und knapper Rohstoff, für den sich beileibe nicht nur ein paar Fischer interessieren. Viele andere Branchen sind auf dieses Metall ausgerichtet und benötigen es in deutlich grösseren Mengen. So wird Tungsten unter anderem in der Elektroindustrie, im Maschinenbau sowie in der Luft- und Raumfahrt eingesetzt. Aufgrund seiner besonderen Eigenschaften gilt es als wichtiger Rohstoff für zahlreiche Hightech-Produkte. Der Handelskrieg zwischen China und dem Westen bewirkte, dass die Preise für Wolfram explodierten. Im Moment ist der Preis dreimal höher als im Sommer 2025, das Kilo kostet zwischen 200 und 300 Franken. Steigt die Nachfrage aus anderen Industriezweigen weiter an, könnten die Preise auch künftig nochmals deutlich anziehen. Zum Vergleich: Blei kostet aktuell etwa 2 Franken pro Kilo, ist also rund 100-mal günstiger.

 Schrot aus Blei ist fürs Zapfen- und Grundfischen immer noch weitestgehend alternativlos. Andere Materialien sind zu hart oder haben eine zu geringe Dichte.

Schrot aus Blei ist fürs Zapfen- und Grundfischen immer noch weitestgehend alternativlos. Andere Materialien sind zu hart oder haben eine zu geringe Dichte.


Stahl, Zinn und andere

Bereits heute werden Materialien wie Stahl, Zinn oder Bismut eingesetzt, wobei Letzteres eher selten Verwendung findet. Diese Werkstoffe gelten ebenfalls als umweltfreundlicher als Blei und können je nach Einsatzgebiet interessante Alternativen darstellen. Beispielsweise hat Bismut eine ähnliche Dichte wie Blei, ist aber deutlich härter und kostet viermal weniger als Tungsten.

Zinn ist weicher und etwa gleich teuer wie Bismut, hat jedoch eine deutlich tiefere Dichte als Blei. Als Bleischrot-Ersatz könnte es künftig trotzdem zum Einsatz kommen. Das günstigste Metall, das bereits ab und zu zum Einsatz kommt, ist Stahl. Doch ein Jigkopf aus Stahl fällt bei gleichem Gewicht deutlich grösser aus als einer aus Blei oder Tungsten. Ähnlich sieht es mit Messing aus. Messing ist nur unwesentlich teurer als Blei, hat aber eine mit Stahl vergleichbare Dichte. Diese tiefe Dichte beeinflusst natürlich die Wurfweite, die Präsentation sowie das Aussehen der Köder und damit am Ende auch deren Fängigkeit. Wenn man diese Rohstoffe vergleicht, zeigt sich schnell, weshalb Tungsten so beliebt ist. Die hohe Dichte in Kombination mit der Härte ist ein starkes Argument, mit dem die meisten Alternativen nicht mithalten können.

Geht es um grosse Köder wie etwa Pilker fürs Meerfischen, kann Tungsten das hundertmal günstigere Blei
nicht ersetzen.

 

Grenzen der Alternativen für Blei

Tungsten hat sich in den letzten Jahren vom Nischenprodukt zu einem festen Bestandteil der modernen Spinnfischerei entwickelt. Die Nachfrage nach Wolfram wird hoch bleiben, und daher ist mit Preissenkungen mittelfristig nicht zu rechnen.

Vor allem für die Egli- und leichte Hechtfischerei mit Spinnködern ist Tungsten perfekt. Wer die Vorteile davon nutzen will, wird aber auch künftig tief in die Tasche greifen müssen. Beim Eglifischen mag das ja verkraftbar sein. Anders sieht es aus, wenn man an das Meerfischen mit grossen Pilkern von 200 Gramm und mehr denkt. Ein solcher Pilker aus Tungsten würde fast schon ein Vermögen kosten. Hier stellt das Bleiverbot die Fischerei tatsächlich vor fast unlösbare Herausforderungen. Auch beim Bleischrot sind keine guten Ersatzprodukte vorhanden. Zu harte Materialien etwa schädigen die Schnur beim Andrücken. Kommt ein komplettes Bleiverbot, wird sich die Zapfenfischerei anpassen müssen. Etwas einfacher gelagert ist das Problem beim Grundfischen. Hier setzen bereits jetzt manche Fischer etwa auf Steingewichte. Diese sind erstens viel weniger auffällig als etwa ein Laufblei und natürlich für die Umwelt völlig unproblematisch.

Ob es nun immer nötig ist, möglichst kompakte Gewichte zu fischen, kann jeder für sich entscheiden. Ich denke jedoch kaum, dass es einen Egli stört, wenn das Bullet-Weight beim C-Rig ein wenig grösser ist – aber bei der Wurfweite merkt man den Unterschied eben schon.


Das sagt der Tungsten-Experte


Interview mit Robin van den Top, Co-Gründer der Firma Toppies

 

Wie ist die Firma Toppies darauf gekommen, auf Tungsten zu setzen?

Wir haben privat schon früh bleifrei gefischt und uns deshalb intensiv mit alternativen Materialien beschäftigt. Als wir die Marke aufgebaut haben, war für uns somit klar, dass wir ein bleifreies Material anbieten möchten, das Anglern gleichzeitig einen echten Mehrwert bietet. Tungsten hat uns dabei besonders überzeugt. Die hohe Dichte ermöglicht sehr kompakte Gewichte und die Härte des Materials sorgt für eine direkte Köderkontrolle sowie ein präzises Feedback unter Wasser. Zudem war bereits eine gewisse Nachfrage nach Tungsten-Produkten vorhanden. Deshalb haben wir uns entschieden, diesen Bereich als Erstes auszubauen und unser Sortiment rund um Tungsten zu entwickeln.

 

Was waren denn Alternativen, die ihr probiert habt?

Wir haben verschiedene Materialien und Legierungen getestet, darunter beispielsweise Zink, Stahl und Bismut. Insbesondere mit Bismut-Legierungen konnten wir bereits zu Beginn sehr gute Ergebnisse erzielen. Da wir uns jedoch entschieden hatten, zunächst den Bereich Tungsten auszubauen, haben wir andere Projekte im Bereich bleifreier Materialien vorerst zurückgestellt. Heute sehen wir jedoch die Zeit gekommen, diese Themen wieder aufzugreifen. Deshalb werden wir unser Sortiment dieses Jahr schrittweise um Produkte auf Basis unserer Bismut-Legierung erweitern und Anglern neben Tungsten eine weitere interessante Option anbieten. Grundsätzlich schliessen wir auch weitere Materialien und Legierungen nicht aus. Innovation und Materialentwicklung werden uns auch in Zukunft begleiten.

 

Begrüsst du ein Bleiverbot?

Aus Umweltperspektive kann ich nachvollziehen, weshalb das Thema Bleieintrag in Gewässer und Natur zunehmend diskutiert wird. Gleichzeitig verstehe ich aber auch die Bedenken vieler Angler, da Blei über Jahrzehnte ein bewährtes und preislich attraktives Material war. Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass praktikable Alternativen verfügbar sind und Angler genügend Zeit erhalten, sich an neue Lösungen anzupassen. Ich sehe die Entwicklung deshalb eher als langfristigen Wandel. Die Branche hat in den letzten Jahren bereits viele Fortschritte gemacht und heute stehen deutlich mehr Alternativen zur Verfügung als noch vor zehn Jahren.

 

Welchen Einfluss kann ein Bleiverbot auf die schwere Fischerei, beispielsweise das Fischen mit Pilkern im Meer haben? Gibt es da Alternativen?

In gewissen Bereichen wird es sicherlich Umstellungen geben, insbesondere dort, wo sehr grosse Gewichte benötigt werden und der Preis eine wichtige Rolle spielt. Grundsätzlich gibt es aber bereits heute verschiedene Alternativen. Man wird sich teilweise daran gewöhnen müssen, dass gewisse Lösungen etwas teurer sind oder sich in ihren Eigenschaften leicht unterscheiden. Zudem gibt es auch andere Hersteller, die sich seit Jahren auf bleifreie Lösungen spezialisiert haben, beispielsweise im Bereich der Karpfenfischerei. Viele dieser Alternativen erhalten derzeit noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Ich denke aber, dass sie mit den aktuellen Entwicklungen stärker in den Fokus rücken werden.

 

Denkst du auch daran grössere, schwerere Jigköpfe (30 Gramm und schwerer) anzubieten? Oder sind solche Produkte dann schlichtweg zu teuer?

Aktuell konzentrieren wir uns hauptsächlich auf die Anforderungen der Fischerei in der Schweiz und anderen europäischen Binnengewässern. Dort ist die Nachfrage nach Jigköpfen über 30 Gramm vergleichsweise klein. Grundsätzlich sehen wir aber keinen technischen Grund, weshalb solche Produkte nicht angeboten werden könnten. Letztlich wird entscheidend sein, wie sich die Nachfrage entwickelt und welche Anforderungen die Angler in Zukunft haben.

 

Welche Rolle wird Blei deiner Meinung nach in fünf bis zehn Jahren noch in der Fischerei spielen?

Ich denke, da kommt es stark darauf an, ob die geplanten EU-Regulierungen auch von der Schweiz übernommen werden oder nicht. Falls die Schweiz einen ähnlichen Weg  einschlägt, dürften alternative Materialien in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Werden die Regelungen hingegen nicht übernommen, könnte Blei in gewissen Bereichen der Fischerei noch sehr lange eine wichtige Rolle spielen. Dafür ist es nach wie vor weit verbreitet und in vielen Anwendungen wirtschaftlich attraktiv. Unabhängig davon gehe ich davon aus, dass wir künftig deutlich vielfältiger aufgestellt sein werden als heute. Das sieht man bereits bei Tungsten und zunehmend auch bei weiteren Materialien und Legierungen. Viele Angler werden weiterhin auf bewährte Lösungen setzen, während andere bewusst alternative Materialien wählen.

 

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