21.12.09 | «Glücklicherweise wissen die heutigen Fischereiaufseher im Berner Oberland nicht, was ich manchmal alles am Wasser getrieben habe als kleiner Bub», flachst David Bittner auf meine Frage, wie er zur Fischerei gekommen ist. Doch nachdem die Bachforellen einige Zeit im hauseigenen Brunnen verbracht hatten, brachte er sie stets zurück ans Gewässer.
Seit Kindesbeinen fischt der im Saanenland gross gewordene heute 32jährige also in der Saane und begleitete den Grossvater auf den Thunersee. Mit dem ersten Patent erbeutete er mit dem Wurm eine prächtige Fario von 40 cm Länge, die er wie früher noch Tage im Brunnen zu hause bewunderte. Das Fischervirus liess ihn nie mehr los. Auch die Ferien verbrachte er fischend und so erfüllte sich sein grosser Traum in Lappland. Nun fing er mit der Fliegenrute Fische in der Wildnis und verspeiste sie mit Genuss. Noch heute glänzen seine stahlblauen Augen, wenn er vom Fang eines arktischen Saiblings im Hochzeitskleid von einem halben Meter Länge schwärmt.
Der Fisch interessierte ihn nicht nur als Fangobjekt, sondern auch als Kreatur. Und so wählte er das Biologiestudium Richtung Zoologie. Seine Diplomarbeit widmete er genetischen Untersuchungen der See- und Bachforellen im Brienzer- und Thunersee und deren Zuflüssen. Die Laichfischfänge in Kander und Simme belegten, dass kein genetischer Unterschied zwischen Bach-, Fluss- und Seeforelle besteht. «Irgendwann als kleiner Sömmerling so im zweiten Lebensjahr wird der Schalter gedreht und der Fisch entwickelt sich entweder zur stationären Fario oder eben zur wandernden Lacustris, also Fluss- oder Seeforelle», bekräftigt David mit Nachdruck. «Dann erst passt sie ihr Kleid der gewählten Umgebung an. Aus Bachforelleneiern aus der Simme entwickeln sich etwa 60% zu Farios und 40% zu Seeforellen.
Aus Seeforelleneiern, die in Simme oder Kander eingesetzt werden, formen sich etwa 60% See- und 40% Bachforellen.» Der Biologe betont, dass hinsichtlich des Schutzes und der Förderung der Seeforelle, die lokalen Bachforellenpopulationen leider oft nicht berücksichtigt werden.
Doktor mit Hang zur Praxis
Ebenso wie seine Diplomarbeit führte er seine Dissertation im Auftrag des Bernischen Fischereiinspektorats und der Unterstützung des BAFU aus. Bittner freut sich, dass die Resultate seiner Diplomarbeit in Bewirtschaftung respektive Besatzmassnahmen berücksichtigt werden. Unter den Fittichen von PD Dr. Carlo Largardier vom früheren Zoologischen Institut der Universität Bern (inzwischen Leiter der Spezialanalytik am Inselspital) wurde er in die Molekularbiologie eingeführt. Bittner gehörte zur Arbeitsgruppe von rund 20 Teams, die Bund und Kanton beauftragt hatten, die Gründe für die Deformationen der Geschlechtsorgane bei Thunersee-Felchen zu erforschen. Die aufschlussreichen Schlussberichte findet man unter www.vol.be.ch («Petri-Heil» berichtete).
In seiner Dissertation fand Bittner heraus, dass es sich beim Phänomen der Gonadendeformationen im Thunersee um ein differenziertes Problem handelt. So ist etwa vor allem der Sommer- und Tieflaichende kleinwüchsige Brienzlig am stärksten betroffen, während der Winter- und Uferlaichende Balchen am wenigsten veränderte Tiere ausweist. Zudem zeigte Bittner anhand der Analyse von über 3500 Felchen von rund 30 Laichplätzen der drei Berner Seen, dass man bei den verschiedenen beschriebenen Kategorien von Veränderungen nur mit dem Filet verwachsene oder unterteilte Geschlechtsorgane zu den ‚wahren‘ Veränderungen zählen soll.
Andererseits gehören etwa asymmetrische Gonaden zur normal Variation der Geschlechtsorgane der Felchen. Durch die Analyse von über 20 000 Genen schliesslich fand Bittner heraus, dass das Immunsystem der deformierten Felchen gestört ist und dass das Krankheitsbild möglicherweise durch eine Autoimmunerkrankung ausgelöst wird, indem die Fische kontaminiertes Zooplankton über die Nahrungskette aufnehmen.
Und wie bei den Elektroabfischungen konnte Bittner auch in seiner Doktorarbeit seinen Hang zur Praxis ausleben. Mit jedem Berufsfischer ging er bei jedem Wetter auf Felchenfang, um seine Forschungen dokumentieren zu können. In dieser Symbiose von Forschung für die Praxis könnte er sich auch seine zukünftige Tätigkeit vorstellen. Denn insgesamt macht er ein Defizit in der Schweiz für angewandte Fischereiforschung aus.
Nach seiner Dissertation über die Thunsersee-Felchen betreut er nun ein bis April befristetes Forschungsprojekt der Eawag in Kastanienbaum. Anhand alter Schuppenproben von Felchen sollen Einflüsse der Eutrophierung auf die Artenentwicklung aufgedeckt werden. «Ich fand in diversen Archiven interessante Schuppenpräparate verschiedener Seen, unter anderem von ‹Felchenpapst› Steinmann aus dem Jahr 1940», freut sich der junge Forscher.
Die grundlegenden Forschungsarbeiten trugen Dr. phil. Nat. David Bittner den angesehenen Berner Umwelt-Forschungspreis 2009/10 ein, zusammen mit Dr. phil. nat. Daniel Bernet, Co-Leiter der Diagnostik für Fischkrankheiten im Zentrum für Fischund Wildmedizin der Universität Bern. Die Preisträger und ihre Arbeiten werden übrigens am 18. März öffentlich vorgestellt in der Uni-S in Bern: 17.15 bis ca. 18.45, anschliessend Apero in der Uni-S Lounge.
Aug in Aug mit den Grizzlies
Bevor es aber soweit war, wollte der Abenteurer im Sommer 2002 den Lachsaufstieg in Alaska mit eigenen Augen sehen. Und wo Lachse sind, sind auch Bären nicht weit. «Eine Überraschungsbegegnung mit einer Bärenmutter und ihren Jungen mit folgendem Angriff war definitiv das Schlüsselerlebnis für meine Begeisterung für diese faszinierenden Lebewesen», erzählt er. Zuerst schockiert, ja traumatisiert, verbringt er seither wenn immer möglich den Sommer auf der Insel Kodiak.
Das mag paradox klingen, doch Bittner ist überzeugt, dass der Mensch selbst die allermeisten Unfälle mit Bären zu verschulden hat. «Mit viel Geduld und entsprechendem Verhalten konnte ich das Vertrauen einzelner Tiere gewinnen. Dieses Vertrauensverhältnis ist das Schönste an meinen Expeditionen in die Wildnis, denn sie ermöglichen mir ungeahnte Erlebnisse mit denjenigen Bären, denen ich immer wieder begegne».
Während seinen Aufenthalten in der Wildnis ernährt er sich vorwiegend von frischem Fisch, Muscheln und Beeren. Dazu hat er haltbaren Proviant im Camp wie Teigwaren, Reis, Haferflocken, Erdnussbutter usw. (siehe auch Seiten 6 und 7 dieser Ausgabe). Inzwischen hat er alle fünf Pazifiklachsarten mit der Rute erbeutet und auch (fast) eine kapitale Steelhead-Forelle. Der zwischen 80 und 90 cm lange Fisch nahm eine violette Fliege und zog sofort 70 bis 80 m Backing von der Rolle: «Nach etwa 200 Meter wildem Drill flussabwärts konnte ich den Fisch an eine Kiesbank dirigieren. Aber ein letztes Aufbäumen und weg war er!»
Weitere unzugängliche Buchten mit Bachund Flussmündungen erkundet Bittner mit dem Kajak. Und dabei fischt er nicht nur auf Lachse, sondern auch auf Dorsche, Haie oder Rochen. Und mit Vorliebe auf Heilbutt! Sein spektakulärster Fang war ein rund 120-pfündiger Heilbutt, der ihn über zwei Stunden im Kajak hinterher zog, bis er endlich das Ufer erreichen und ihn auf einer Kiesbank landen konnte! Dreimal dürfen Sie raten, wo David Bittner den nächsten Sommer verbringen möchte!
Autor: cjd
Bittner live
David erzählt gerne und voller Begeisterung von seinen Erlebnissen mit den Bären in Alaska. Mit seinem aussergewöhnlichen Bildmaterial gestaltet der Abenteurer seine Vorträge unterhaltsam und authentisch. Er bringt uns jedoch nicht nur die Bären näher, sondern das gesamte Ökosystem, das die Bären umgibt. Dazu gehören auch die Fische, die er abseits der Bären im Fluss oder mit seinem Kajak auf dem Meer befischt. Lassen Sie sich mitreissen! Die genauen Termine, Vorverkauf und weitere Infos finden Sie unter: www.explora.ch
David & Kodiak
Noch bis am 10. Januar zeigt das Naturhistorische Museum der Burgergemeinde Bern die eindrücklichsten Bärenbilder, Filmdokumente und Ausrüstungsgegenstände von David Bittner (Öffnungszeiten: www.nmbe.ch). David Bittners Buch «Der Bär» (siehe auch Seiten 6 und 7) ist zum Preis von Fr. 49.– erhältlich im Buchhandel oder im Online-Shop unter www.kodiak. ch oder schriftlich bei David Bittner, Weststr. 28, 3005 Bern.